Conchita Wurst ist ESC-Siegerin- warum "Dragqueens" die Zukunft sind

"Rise like a Phoenix" - "Conchita Wurst" alias Thomas Neuwirth. Foto: © Thomas Hanses (EBU)

Eigentlich heißt er Thomas Neuwirth. Den Namen Conchita bekam er von einer Freundin aus Kuba und behielt ihn bei. Den Nachnamen wählte er, „weil es eben ‚Wurst‘ ist, woher man kommt und wie man aussieht“, sagt Wikipedia. Als strahlende Eurovision Song Contest-Königin 2014 ist er, beziehungsweise sie, die Dragqueen Conchita Wurst, am Sonntag von einer euphorischen Menge lautstark am Flughafen Wien Schwechat empfangen worden. "Ich will die ganze Welt", sagte sie bei der Pressekonferenz. Den Eurovision Song Contest für Österreich zu gewinnen ist ja schon einmal ein Anfang. Das hatte zuletzt Udo Jürgens geschafft- 1966.

Okay, das wissen mittlerweile so gut wie alle. Interessant ist, was Stefan Niggemeier herausgefunden hat: "Es waren die Jurys, deren Urteil die Hälfte des jeweiligen Länder-Votums ausmacht, bei denen der Beitrag weniger gut ankam. Die deutschen Juroren zum Beispiel setzten Österreich nur auf Platz 11 - bei den Anrufern aus Deutschland lag Conchita Wurst auf Platz 1. Die Jurys aus Armenien, Aserbaidschan und Weißrussland hatten gar nichts für den österreichischen Beitrag übrig - die Zuschauer hingegen hatten auch dort mit der bärtigen Frauenfigur keine Probleme und stimmten in großer Zahl für ihren Auftritt."

Die Tatsache, dass Kaukasus-Bewohner islamischer Religion per Televoting offener dafür sind, den Auftritt einer Dragqueen als besten Song Europas anzuerkennen als eine deutsche Jury, ist bemerkenswert- und typisch. Denn Jurys sind Gremien. Und Gremien sind langsam. Gaanz langsam. Vor allem auch dann, wenn es darum geht, gesellschaftliche Entwicklungen nachzuvollziehen.

Man kann es den Gremien nicht unbedingt vorwerfen. Es gibt Dinge, die sind halt einfach wie sie sind. Und Mitglied in Gremien wird man in der Regel nicht wegen besonderer Kompetenzen, sondern als ideale Schnittmenge für einen Kompromiss der Entscheider. Wer dann im vorgegebenen Mittelmaß Rahmen bleibt, bleibt dann auch meist sehr lange Gremienmitglied.

Dragqueens sind vieles. Auffallend. Exzentrisch. Anders. Dragqueens sind eines nicht: Sie sind nicht Mitte. Sie sind kein Kompromiss- sie sind eher kompromisslos. Sie sind nicht Gremien-kompatibel.

Fernsehen, insbesondere öffentlich-rechtliches Fernsehen, wird von Gremien gesteuert. Vielleicht ist das ja der Grund für so viele mittelmäßige Filme, Serien oder Shows, die ein mittelmäßig spießiges Weltbild mittelmäßig vergangener Zeiten zeigen. Und so nichts außer der Langeweile des ewig Gleichen ausstrahlen.

Web-TV, wie zum Beispiel YouTube, wird nicht von Gremien gesteuert. Es funktioniert eher wie Televoting, individuell, demokratisch- die Abrufzahlen entscheiden das Programm. Es kennt keinen Kompromiss. Abruf oder Nichtabruf- es gibt kein "Dazwischen".

Deshalb ist Web-TV stets auf der Suche nach den "Dragqueens", nach dem was auffällt, exzentrisch und anders ist. Gegen die Langeweile. Deshalb hat das Gremien-Fernsehen auf Dauer gegen das Web-TV keine Chance und ruft statt dessen nach Regulierung, Zulassungspflicht und Verbot.

"We are unstoppable"- so Conchita nach dem ESC-Gewinn. Sie hat Recht.

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