"Team Wallraff" war bei Burger King. Der digitale Tsunami.

Screenshot: RTL.de
Früher war alles besser. Wirklich. Können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als Magazine wie "Monitor" oder "Panorama" in der ARD nennenswerte Zuschauerzahlen hatten? Schon immer gab es ja Politiker, Organisationen, Firmen oder Privatpersonen, die Sachen machten, die, sagen wir mal, so nicht in Ordnung sind.

Wenn es dann herauskam, hieß es "Enthüllung". Ein(e) Moderator(in) mit Merkel-Gesicht verlas dann im betont schmucklosen ARD-Studio die Anklage, es folgte ein kurzer Film mit der Dokumentation skandalöser Zustände, Zeugenaussagen und/oder einigen wohlabgewogenen Meinungen ausgesuchter Fachleute oder gar von gewöhnlichen Menschen.

Das wars dann aber auch. In großen Fällen kam dann vielleicht noch die ordentliche Nachbearbeitung durch "SPIEGEL", Stern und FAZ oder die gegebenenfalls notwendige aktenkundliche Aufarbeitung durch zuständige Behörden und Gerichte. Dann hatte man es überstanden. Für eine Firma war damals zum Beispiel das Abtauchen und darauf warten, dass es vorbei geht, oftmals eine durchaus erfolgversprechende Strategie.

In digitalen Zeiten, in denen sich das klassische Fernsehen mit dem Internet und sozialen Netzwerken zu etwas qualitativ völlig Neuem verbindet, ist das anders. Denn nach der Sendung ist es nicht vorbei. Die Sendung kann in Mediatheken und Videoportalen weiter angesehen werden, wieder und wieder, Zuschauer machen andere im Internet darauf aufmerksam, immer mehr Volk läuft zusammen- eine richtige Welle kann daraus werden, ein digitaler Tsunami mit erheblichem Zerstörungs-Potential.

RTL, nach wie vor Deutschlands größter privater Fernsehsender, ist ein wenig in der kreativen Krise und auf der Suche nach neuen Programmideen. "Scripted Reality" ist ja derzeit recht erfolgreich und als nächstmögliche Steigerungsform will man es nun wohl mit der "Real Reality" versuchen. Jedenfalls verbündete man sich in Köln mit Deutschlands bekanntestem Enthüller unangenehmer Realitäten, Günter Wallraff, und das "Team Wallraff" war geboren.

Privatfernsehen hat ja, so behaupten es zumindest die Quoten, die jüngeren Zuschauer. Und lebt deshalb auch von Werbekunden, die auf das jüngere Publikum zielen. Deshalb ist erst einmal Hochachtung angebracht, Hochachtung vor den Programmplanern und Redakteuren, die das "Team Wallraff" zu massenattraktiven Sendezeiten auf den Schirm brachten. Dazu gehört Mut. Das kann auch schief gehen.

Es sind Marken-Ikonen der jungen Zielgruppe, die sich das "Team Wallraff" bisher zur Brust nahm. Begonnen wurde mit Zalando, dem Schuh- und Modeversender mit dem Schrei und der Schilderung der Arbeitsbedingungen in dessen Erfurter Versandzentrum. Nach der Sendung musste sich Zalando im Internet als "Sklavando" beschimpfen lassen und es sieht so aus, als dürften sich die Thüringer Versandarbeiter in Zukunft während der Schicht nun wenigstens ab und zu mal hinsetzen. Günter Wallraff und RTL werden dann wohl ihre heimlichen Helden sein, für lange Zeit.

Diese Woche nun war die Fastfood-Kette "Burger King" an der Reihe. Gezeigt wurden die unappetitlichen Zustände hinter den Kulissen einer Filiale und damit hat man wohl endgültig einen Publikumsnerv getroffen. Eine neue Qualität scheint erreicht.

So wird der Facebook-Auftritt von Burger King Deutschland, der doch eigentlich der gepflegten Social-Media-Werbung für "Probierwochen" oder für den neuen "The Hot Chili Chicken" dienen soll, von Kommentaren geflutet. "Shitstorm" nennt man das wohl. Die SocialMedia-Redaktion von Burger King verfiel erst einmal in so etwas wie Schockstarre, etliche Stunden vergingen, bevor es eine "offizielle" Reaktion gab. Die hatte dann schnell mehr als 4000 (!) weitere Kommentare, allein die Meinung "Das beste Zeichen um das Vertrauen wiederherzustellen wäre diesem Franchisenehmer zu kündigen..." erreichte zügig mehr als 3.000 "Likes". Zahlen, die ich so in Deutschland noch nicht gesehen habe.

Es ist möglich, dass die Kombination Fernsehen, Internet und Social Media mehr und mehr eine neue Art digitaler Tsunamis auslösen kann, die stark genug sind, auch große Firmen oder Karrieren einfach wegzuspülen.

Den "Team Wallraff"-Bericht zum Burger King kann man sich hier anschauen.

Die Facebook Reaktion von Burger King mit Kommentaren ist, mal sehen wie lange, hier:

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