Shopping. Handel. Medien. Fernsehen. Amazon. So sehen Sieger aus.

Amazon - Logistikcenter in Leipzig. Foto: Amazon
Ist es ein Junge oder ist es ein Mädchen? Schwangere Frauen können diese Frage wohl irgendwann nicht mehr hören. Die Frage ist nur auf den ersten Blick einfach. Meistens wird hier mehr als die Antwort erwartet. Der Fragesteller möchte eine ausführliche familienpolitisch-korrekte Begründung, warum man das genau so, wie es ist, immer gewollt hat und es schlicht und einfach großartig findet.

Nach einer langen, von zahllosen Gerüchten und Vermutungen begleiteten Schwangerschaft wird wohl morgen ein Amazon-Medienplayer das Licht der Welt erblicken. Ist es ein Stick wie Googles Chromecast ? Oder eher eine klassische Set-Top Box? Kann es mit uns spielen wie Microsofts Xbox One ? Angeblich "geleakte" Bilder eines dazu passenden Controllers kursieren überall im Netz. Wird es nur Amazons Inhalte streamen oder auch mehr? Oder wird es gar etwas völlig Neues?

Bis morgen, wenn Amazon um "11:00 a.m. E.T. ein Update für unser Video Business" vorstellt, werden die Spekulationen wohl weitergehen. "E.T." steht in diesem Fall für "Eastern Time", also wir reden wohl von 17 Uhr bei uns. Da bleibt noch viel Zeit für manch Geschriebenes.

Warum überhaupt ist das wichtig?

"Günstige Preise für Elektronik & Foto, Filme, Musik, Bücher, Games, Spielzeug, Sportartikel, Drogerie ..." - so meldet sich Amazons deutsche Webseite im Header, und so haben wir das bequeme Versandhaus mit US-Wurzeln kennen und lieben gelernt. Seit einiger Zeit aber wird die Beziehung komplizierter.

Angefangen hat es wohl mit diesem Fernsehbericht in der ARD. "Ausgeliefert! Leiharbeit bei Amazon" - unter diesem Titel wurden "skandalöse Arbeitsbedingungen" beim Online-Versandhändler angeprangert, was einen ziemlichen "Shitstorm" im Netz auslöste. Manches in dem Bericht kannten einige Zuschauer allerdings auch aus eigenem Erleben, aus anderen Firmen, und noch schlimmer. Manches musste auch später wieder relativiert werden.

Dann hörte man immer mal wieder von Warnstreiks der Belegschaft, auch im Weihnachtsgeschäft. Von mehr und mehr Buchhändlern und ganzen Einkaufsstraßen, die jetzt schließen. Mittlerweile wird der Ton in der deutschen Amazon-Berichterstattung hier und da auch schon fast militärisch.
Man müsse "mobilisieren", "stoppen" und "aufrüsten". Gegen einen Versandhändler?

Ja, ein wenig unheimlich ist Amazon schon. Als Ergebnis der wenig schmeichelhaften Medien-Berichterstattung zeigen die Zahlen für 2013 über 20% Umsatzwachstum in Deutschland- etwa so viel wie 2012, nur auf wesentlich höherer Ausgangsbasis. Mittlerweile kontrolliert Amazon fast ein Viertel (!) des deutschen Online-Handels. Im insgesamt schnell wachsenden deutschenden E-Commerce nahm dabei der Marktanteil von Amazon um beinahe 2 Prozent zu. Fast könnte man behaupten, der deutsche Online-Handel wächst gar nicht- sondern Amazon.

Google ist die Suchmaschine im Netz. Facebook ist das Social Media - Netzwerk. Wird Amazon der Online-Handel? Wenn es am Standort Deutschland so weiter geht wie bisher - dann ja. Noch nicht endgültig entschieden ist dagegen wer beim Fernsehen, dem wichtigsten Massenmedium, das Rennen machen wird.

Womit wir beim eigentlichen Netz TV-Thema sind. Und auch hier sind als Kandidaten mehr und mehr nur noch die üblichen Verdächtigen mit Silicon Valley - Wurzeln zu sehen.

"Gib den Menschen was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form in der sie es wollen - zu einem vernünftigen Preis"- so hat Kevin Spacey ("House of Cards") im Vorjahr in Edinburgh das Erfolgsrezept für das neue Fernsehen "on demand" auf den Punkt gebracht. Ich denke, das würde Amazon-Chef Jeff Bezos wohl auch generell so unterschreiben. Und wie anscheinend kaum ein anderer sieht er das Zusammenwachsen von Handel und Medien im Internet, hat dafür ein schlüssiges Konzept und bereitet seine Firma darauf vor.

Im Vorjahr hat er privat mit der "Washington Post" eine Zeitung gekauft. Nicht irgend eine- eine mit ganz großem Namen und einem außergewöhnlich starken Video, sprich Internet-TV-Nachrichtenangebot. Genau dieses Angebot soll trotz aller Probleme, die Zeitungen derzeit so haben, in diesem Jahr kräftig weiter ausgebaut werden. Wer den portofreien Lieferdienst "Amazon Prime" bezahlt, bekommt jetzt auch in Deutschland eine Video-Streaming-Flatrate als Giveaway dazu. Gerade hat Amazon weitere Eigenproduktionen für das SVOD-Angebot bestellt, natürlich gleich in 4K Ultra-HDTV.

Was würde eine komplette "Amazon-Welt auf Abruf" im TV brauchen? Filme, Serien und aktuelle Nachrichten. Okay, Sport fehlt noch. Noch. Vielleicht wird Herr Bezos sich ja demnächst für den Kauf von Profiklubs in massenattraktiven Sportarten interessieren. Oder die "Washington Post".

Wenn überhaupt, dann hat in Deutschland maximal der Axel Springer Verlag ein ähnlich durchdachtes Konzept fürs digitale Zeitalter und setzt es auch konsequent um.

Wird es eine Set-Top oder ein Dongle? Jeff Bezos würde wohl sagen: "Will ich gar nicht wissen. Es wird was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form in der sie es wollen - zu einem vernünftigen Preis. Und wenn es das im ersten Versuch nicht ist, dann starten wir einen Zweiten."



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