Scripted-Reality - Familie Liebisch aus Erfurt erobert die Fernseh-Welt

Familie Liebisch aus Erfurt erobert Amerika
v.l.n.r.: Michelle, Mutter Manuela, Nesthälchen Nicole, Papa Andreas, Patrick, Andreas junior  Foto: © RTL II
Wurst, Wald, Biathlon und Goethe- Heerscharen an hochbezahlten Thüringer Tourismus-Fachleuten haben viele Jahre lang am Image des baumreichen Freistaats gefeilt. Dann fand RTL II in der Landeshauptstadt Erfurt die Familie Liebisch und alles war wieder kaputt. Gestern Abend hat der Sender die (vielleicht?) letzte Folge von "Go West! Familie Liebisch erobert Amerika" ausgestrahlt. Wer es verpasst hat: Am 22. April 0.15 Uhr gibt es die Wiederholung. Wer es gesehen hat, wird jeden Zusammenhang zwischen sich und der Ursprungs-Region der Hauptdarsteller lange leugnen.

"Familie Liebisch aus Erfurt hatte einen großen Traum: Auswandern nach Amerika! Die Liebischs – das sind Familienvater Andreas (50), seine Frau Manuela (40) und die Kinder Michelle (13), Andreas jr. (12), Patrick (10) sowie Nesthäkchen Nicole (6). Gemeinsam begaben sie sich auf einen aufregenden Road Trip von Ost nach West, quer durch die USA: sechs Wochen, sechs Städte, sechs Gastfamilien." So heißt es bei RTL II.

"Es war der reinste Höllentrip", so laut DWDL.de Andreas Liebisch bei BILD+. "Wir wurden von der Produktion hinters Licht geführt. Alles war erstunken und erlogen! Wir wollten niemals in die USA auswandern." Nun ja, wer Andreas Liebisch im RTL II-Fernsehen erlebte, wird vielleicht nicht jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen.

RTL II wolle, so DWDL, "nun das Gespräch suchen". Mit 800.000 Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren erzielte das Staffel-Finale einen Marktanteil von 7,0 Prozent- für RTL II ein sehr ordentlicher Wert. Die Liebischs haben also vielleicht eine reelle Chance auf Fortsetzung ihrer TV-Karriere.

Unsere ultimative Netz-TV-Idee: Man könnte sie ja zum Beispiel als Nächstes sechs Wochen zusammen mit den Geissens in eine Strandvilla in Dubai sperren. Carmen Geiss und Andreas Liebisch gemeinsam in einem Zimmer. Das Zusammentreffen so verschiedener und doch so ähnlicher sozialer "Scripted Reality"-Welten ergäbe mit Sicherheit hochdramatische Dialoge, wie sie selbst Goethe oder Schiller nie im Leben eingefallen wären.

Tja. 7,0 Prozent in der Zielgruppe. "House of Cards", leuchtendes Beispiel für die neuen US-Qualitätsserien und Aushängeschild für Netflix, das ja demnächst den deutschen Fernsehmarkt aufrollen soll, erreichte beim wesentlich größeren Sender Sat.1 durchschnittlich 7,3 Prozent. Fast also hätte Andreas Liebisch aus Erfurt Kevin Spacey geschlagen. Mit grob geschätzt einem Prozent des "House of Cards"- Produktionsbudgets.

Also, wäre ich Sendermanager, die Idee mit der Villa in Dubai hätte wesentlich höhere Anziehungskraft als etwa das unkalkulierbare Produktions-Abenteuer "Qualitäts-Serie".

Der Anteil an Scripted-Reality-Formaten in den Fernsehprogrammen privater Veranstalter steige weiter an, so die Landesmedienanstalten in ihrem am 1. April veröffentlichten "Programmbericht". Scripted-Reality-Sendungen seien fiktiv, ließen sich jedoch oft kaum von echten dokumentarischen Formaten unterscheiden - gerade von jungen Zuschauern.

Deshalb fordert der Direktor der Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein (MA HSH), Thomas Fuchs, die Fernsehveranstalter auf, "endlich zu einer einheitlichen Kennzeichnungspraxis zu finden. Wir brauchen jetzt konstruktive Lösungsvorschläge, die bestehende Praxis ist weder einheitlich noch eindeutig, das reicht nicht aus.“ so Fuchs. Sollten die Veranstalter nicht bereit sein, eine eigenverantwortliche Kennzeichnung umzusetzen, werde die Einführung einer gesetzlichen Verpflichtung forciert. Dazu böte das laufende Gesetzgebungsverfahren zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag einen guten Ansatzpunkt.

Mmh. Es gibt aber sehr, sehr viel mehr Fernsehformate mit "gescripteter Reality" als Thomas Fuchs da im Auge hat. Und die Übergänge sind fließend. So bringt zum Beispiel das ZDF mit Hingabe allerlei "Dokumentationen" über diverse europäische Königshäuser, deren Inhalt schon hier und da, sagen wir mal, eine gewisse Mithilfe bei der Beschreibung der Realität vermuten lassen. Zum Beispiel durch erstklassige PR-Leute. Natürlich völlig unbegründet. Aber wer legt fest, wo "Dokument" aufhört und "Script" anfängt? Wer prüft es rechtssicher nach? Auch dort, wo es bestimmt nicht allen Beteiligten gefallen wird?


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