Echt deutsch gebremst. Die Bundesregierung als YouTube- Kanal

Screenshot: youtube.com/user/bundesregierung
Steffen Seibert ist Regierungssprecher. Vor drei Jahren sorgte er republikweit für Belustigung, als er per Twitter eine US-Reise der Bundeskanzlerin verkündete.
Die Hauptstadtjournalisten der Bundespressekonferenz fühlten sich dadurch benachteiligt. Sei Twitter etwa ein "offizielles Mitteilungsorgan des Regierungssprechers"? Entspräche das überhaupt den "Sicherheitsanforderungen"? Alle im Umlauf befindlichen Klischees über die schwierige Beziehung zwischen der deutschen Presse und diesem Internet wurden aufs schönste bestätigt.

Steffen Seibert twittert noch immer. Möglichst aber so, dass es die Journalisten nicht ärgert. Denn es gibt unter seiner Regie noch weitere Medienaktivitäten der Bundesregierung, die "politische PR unter Umgehung der journalistischen Gatekeeper" betreiben, wie es der "Tagesspiegel" jetzt vorsichtshalber durch Joachim Trebbe, Experte für Medienanalyse und politische Kommunikation an der Freien Universität Berlin feststellen ließ.

So hat die Bundesregierung auch unter anderem einen eigenen YouTube-Kanal. Dafür, so der Tagesspiegel, seien 2013 rund 305.000 Euro aufgewendet worden. Für die Betreuung des Kanals stehe im Bundespresseamt eine Arbeitsgruppe von fünf Mitarbeitern bereit. So ein Kanal sei ja jetzt ein "must-have". Bestimmte Zielgruppen guckten nur YouTube, nicht mehr lineares Fernsehen, geschweige denn "Bericht aus Berlin". Aber, so der Tagesspiegel, die Mitglieder des zuständigen Haushaltsausschusses im Bundestag seien nicht so ganz überzeugt. Steffen Seibert solle doch mal konkret aufzeigen, was der ganze YouTube-Spaß kostet und wer sich das ansieht. Schließlich gäben der Regierungssprecher und seine Leute seit 2012 für Öffentlichkeitsarbeit jährlich 17 Millionen Euro aus.

Tja. Die Abrufzahlen sind, so würde es wohl ein Pressesprecher formulieren, ausbaufähig. Sicher kann man darüber diskutieren, ob leutselige Minister-Porträts oder "die Woche der Kanzlerin" als heile-Welt-PR-Video die richtigen Inhalte sind.

Aber damit werden sich wohl auch deutsche Journalisten abfinden müssen: Wo kein Tor mehr ist, durch welches man durch muss, da braucht es keine "Gate-Keeper" mehr. Jeder kann im Internet schreiben, jeder kann senden. Und so machen sich Regierungen, Institutionen, Firmen, Vereine und selbst einfache Menschen auf den Weg und beginnen zu schreiben und zu senden. Die Bundesregierung genauso wie der Dalai Lama oder "The White House".

Vielleicht fragt die Bundeskanzlerin ja demnächst mal bei Steffen Seibert an, ob man sich nicht noch ein Stück weiter ins "Neuland" vorwagen und ihre Reden so schön direkt und live wie bei Barack Obama in die Welt übertragen könnte. Dann muss er ihr die Sache mit den Landesmedienanstalten und YouTube Live wahrscheinlich etwas länger erklären.

Angela Merkel hat deutsche Atomkraftwerke abgeschaltet. Vielleicht kann sie ja das deutsche Bewegtbild-Internet anschalten.





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