Youtube Live - Fundstücke (5) : Ukraine- ist Revolution GEMA-pflichtig ?

Screenshot: Youtube
Es wäre ja auch zu schön gewesen. Das kurzzeitig auch in Deutschland sichtbare Live-Angebot von Youtube ist wieder verschwunden. Wenn man den direkten Link hat ist das eine oder andere Live-Video, wie zum Beispiel die Tower Bridge London, noch in Betrieb. Die Youtube-Live-Seite mit den nach Themengebieten angeordneten aktuellen Angeboten gibt es aber aktuell nicht mehr.

Die für Youtube anscheinend nicht vernünftig lösbare Rechtslage in Deutschland rund ums Live-Streaming führt dagegen mittlerweile zu den absurdesten Kuriositäten. So gibt es seit Beginn des "Euro-Maidan" im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew Youtube-Liveberichterstattung rund um die Uhr. In die "Fundstücke" auf Netz-TV schaffte der Maidan es bisher nicht. Es gab nicht wirklich etwas zu sehen. Die Webkamera zeigte einen großen Platz, auf dem mal mehr, mal weniger Menschen standen. Meist war schlechtes Wetter. Gestern aber hat sich die Szenerie leider geändert.

Screenshot: Youtube
Youtube-Nutzer aus Deutschland, die auf dem ukrainischen Kanal "Espreso TV" live das aktuelle Geschehen verfolgen wollten, bekamen zu ihrer Überraschung dann nur das Vorschaubild links statt der eigentlichen Übertragung zu sehen.

Was dann logischerweise erst zu Protesten auf Twitter und dann wohl zu einem bösen Artikel auf BILD online geführt hat. Gegen den die GEMA jetzt "rechtliche Schritte" eingeleitet hat. Weil sie ja "in keiner Weise veranlasst oder gefordert" habe, "dass die entsprechenden Live-Streams aus dem Netz genommen werden". Und überhaupt: "Die Verwertungsgesellschaft hält es für abwegig und ausgeschlossen, dass bei der Übertragung von Demonstrationen in Kiew Rechte von ihren Mitgliedern verletzt werden können."

Mmmh. Die Live-Übertragungen laufen seit Wochen. Es gab während dieser Zeit viele Konzerte auf der Bühne, die dort aufgebaut wurde. Wohl auch von GEMA-Mitgliedern. Aber wenn man bei der GEMA vielleicht gerade so richtig in Rage ist, kommt dann einfach alles auf den Tisch- irgendwie fühlt man sich an aufheulende Kleinkinder erinnert: "Dabei wurde durch die Verwendung der bekannten "GEMA-Sperrtafel", gegen die die GEMA bereits gerichtlich vor dem Landgericht München vorgeht, der unrichtige Eindruck vermittelt, die GEMA habe die Sperrung gefordert oder veranlasst." Nö. Ich lese da, dass das Video "möglicherweise Musik enthält, für die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden."

Wenn man es sachlich statt mit wutgetrübten Augen betrachtet, muss man wohl dem Youtube-Sprecher Recht geben, welcher gegenüber dem Wall Street Journal Deutschland erklärte: Man könne ja bei Livestreams vorher nicht absehen, ob dabei auch Musik übertragen werde, an der die GEMA die Rechte hält. Und dass demzufolge die meisten Livestreams in Deutschland nicht verfügbar sind. Und- für den Blutdruck der GEMA-Verantwortlichen: "Es tut uns leid."

Natürlich wird weiter verhandelt. Da aber die Erlöse für Werbespots auf Youtube sehr niedrig sind und weiter sinken, gehört nicht viel Hellseherei zu der Vermutung, dass es zu GEMA-Preisen wohl so schnell zu keiner Einigung kommen wird. Youtube zahlt von den ohnehin geringen Werbeeinnahmen noch 55% an seine Partner - da bleibt möglicherweise nichts übrig, für das es bei der GEMA irgendwelche Rechte gibt.

Youtube hat die ukrainische Revolution mittlerweile auch für Deutschland freigeschaltet. Ich drücke ihnen die Daumen, dass die Revolutionäre nicht singen. Denn, wie wir nun wissen, bei der GEMA drohen schnell "rechtliche Schritte". Den Revolutionären drücke ich die Daumen, dass schnell wieder Musik zu hören ist:




Kommentare

  1. Der Autor ist entweder ein Google-Lobbyist oder halt einfach nicht besonders helle, vielleicht aber ja auch beides.

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    1. Ich nehme den "Google Lobbyist". :-) Das klingt richtig bedeutend. Hab ich jetzt die Chance auf Facebook-Milliarden?

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    2. Zumindest hat er etwas Humor, das findet man in der Netzgemeinde doch eher selten.
      Das Schöne für Google ist ja, dass sich in dieser Gemeinde Millionen von unbezahlten Lobbyisten tummeln, die sich dafür schon mit weiterhin freiem Zugang zu allen gewünschten Inhalten belohnt sehen.
      Aber zurück zum Thema: Vielleicht liest sich der Autor doch noch mal ein wenig in die Thematik "YouTube-Sperrtafeln" ein, möglicherweise zur Abwechslung sogar bei den FaQs auf GEMA-Dialog.

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    3. Als einer der ersten deutschen YouTube-Partner und langjähriger Betreiber verschiedener Partnerkanäle hatte der Autor reichlich Gelegenheit, den "GEMA-Dialog" über FaQs auf Webseiten hinaus auch direkt zu führen. Sicher tut es weh, was YouTube sich mit den Sperrtafeln da ausgedacht hat. Youtube ist aber ein weltweites, globales Geschäftsmodell, in das Sonderfälle wie die GEMA schlicht nicht hineinpassen, sie können den GEMA-Fantasietarifen nicht nachgeben, das würde einen Präzedenzfall schaffen und so das ganze Projekt sprengen. Google berechnet die Werbepreise auf Youtube in Cents und hat da noch etliche Stellen hinter dem Komma. :-) Mir geht es hauptsächlich auch nicht um "freien Zugang zu allen gewünschten Inhalten". Auch wenn dieser eigentlich in einem modernen Land selbstverständlich sein sollte. Youtube-Live und die GEMA ist ein schönes Beispiel dafür, wie Deutschland sich aus einer der wichtigsten globalen Industrien des 21. Jahrhunderts, Internet+Entertainment, verabschiedet und selbst zum Entwicklungsland degradiert.

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    4. Ah, hier wird zensiert. Hat das der langjährige Partner veranlasst oder war es vorauseilender Gehorsam? Jedenfalls bestätigt es meine Annahmen.

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    5. Nicht zensiert- nur gelöscht. Bitte darauf achten dass bei rechtlich relevanten Bemerkungen der Bloginhaber haftet.

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    6. Ich lach´ mich tot, aber bitte: Was Sie sagen ist also, dass ein weltweites, globales Geschäftsmodell sich nicht um nationale Gesetze und "Sonderfälle" zu kümmern braucht, weil ja sonst das ganze "Projekt", das im Übrigen hauptsächlich davon lebt, fremde Inhalte zu verbreiten und dafür Werbeeinnahmen einzustreichen, auch auf sehr zwielichtigen Plattformen (vorsichtig genug?), gefährdet wäre.
      Ach und, Sie scheinen ja gut informiert, wie sehen denn die "GEMA-Phantasietarife" aus, genaue Zahlen waren ja bisher nicht bekannt, bis auf die von Google und Sympathisanten verbreiteten Falschmeldungen hierzu.

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    7. Nein, sage ich nicht. Ich sage, dass nationale Regelungen dazu führen können, von der technologischen Entwicklung und damit von wichtigen Arbeitsplatz-schaffenden Zukunftsindustrien schlicht abgeschnitten zu werden. Der GEMA-Fantasietarif beträgt exakt 0,00375 Euro pro Videoabruf. Das ist mehr als das Dreifache (!) als international üblich, und dürfte mehr als der gesamte Ertrag sein der derzeit bei Youtube verbleibt.

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  2. YouTubes Einnahmen durch Anzeigenverkäufe werden übereinstimmend auf zwischen ca. 10 € und 20 € pro tausend Streams geschätzt (RioCareff, CEO des youtube / Universal / Sony joint ventures VEVO, gab die Einnahmen pro tausend Streams im Interview mit „$25 – $30“ an). Dies deckt sich auch mit Online Werberaten von ca. € 20 pro Tausend Kontakten. Grundsätzlich zahlen Anzeigenkunden umso mehr je genauer die Informationen über die Empfänger ihrer Botschaften sind – und niemand hat mehr Informationen über Nutzer als Google.
    Jetzt rechnen Sie mir mal vor, wie die 0,00375 € den gesamten Ertrag aufzehren sollen.

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    1. Ja, das sind die derzeit noch gängigen Werbe-Tarife. Gehen wir einmal von optimistischen 20 Euro aus. Gehen wir weiter davon aus, dass YouTube einen im Online-Bereich phantastischen Wert von 50% Auslastung des Inventars zu vollen Preisen erreicht. (Kenne keinen, der das schafft.) Bleiben 10 Euro pro 1000. 55% der Netto-Werbeeinnahmen reicht YouTube an seine Partner, die Video-Ersteller weiter. Bleiben also noch 4,50 Euro pro 1000. 0,00375 Euro pro Stream will die GEMA, sind 3,75 Euro pro 1000. Bliebe für Youtube ein rechnerischer Ertrag von 0,75 Euro um Verkauf, Personal und Investitionen in riesige Datencenter zu refinanzieren. :-)
      Leider erreicht Youtube diese Traumergebnisse nicht. Es gibt auch schon Ärger mit den Partnern wegen der sinkenden Einnahmen. Zwar dürfen die Partner nicht über ihre Einnahmen reden- es ist aber kein Geheimnis. dass die meisten mit 2 Euro pro 1000 Streams sehr zufrieden wären. Eine ehrliche Abrechnung vorausgesetzt, würde das auf tatsächliche Einnahmen in Höhe von 5 Euro pro 1000 Streams bei YouTube hindeuten.
      Es träfe trotzdem keinen Armen, wenn YouTube die GEMA-Tarife zahlen würde. Larry Page und Sergej Brin könnten sich sicher auch danach 3 Mahlzeiten am Tag leisten. Aber warum sollten sie das tun und das deutsche YouTube subventionieren? Aus kalifornischer Sicht ist der deutsche Markt relativ bedeutungslos- es geht um weniger als 10% des globalen Geschäfts.
      Im vorigen Sommer habe ich im Urlaub gesehen, wie praktisch die gesamte Mittelmeerküste mit lustigen Verrenkungen nach der Melodie eines kleinen dicken Koreaners tanzte- "Gangnam Style" hat mittlerweile viele Millionen eingespielt und ohne YouTube hätte es niemand gekannt. In Deutschland war das Video gesperrt, hat draussen aber keiner gemerkt. Deutsche Künstler müssen dafür damit leben, diese Chance nicht zu haben.
      Britische Musiker sind nicht dafür bekannt, Geld zu verschenken. Dort gab es lt. Presse eine Einigung mit Youtube zu einem Drittel des GEMA-Tarifs. Auch das ist angesichts der Marktlage immer noch sehr viel Geld. Britische Künstler kassieren jetzt bei Youtube und haben die Chance auf Ruhm. Deutsche Künstler kassieren nichts und haben die Chance auf Hohn und Spott in Form von Texttafeln. Ich habe einfach starke Zweifel, wessen Interessen die GEMA vertritt.

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    2. Ja, bei der PRS hat Googles Einschüchterungstaktik funktioniert. YouTube sperrte 2009 massenhaft Repertoire und zwang die britische PRS so zum Abschluss eines Tarifs der deutlich unter der Empfehlung des Copyright Tribunals von 0,085 Pence pro Stream lag. Derzeitige Abrechnungen der PRS liegen nur noch zwischen 0,011 und 0,014 Pence pro Stream, d.h. sie lagen für 1000 Streams also bei 11 bis 14 Pence. Zahlreiche PRS Mitglieder forderten daraufhin den Rücktritt von PRS Chief Executive Steve Porter der unter immensem Druck diese Vereinbarung getroffen hatte. Google beteiligt die Content-Produzenten übrigens mit 50%, nicht 55%. Und natürlich müsste eine Urheber-Abgabe auch von dem Anteil der Content-Produzenten abgehen, daher ist Ihre Rechnung falsch.

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