Deutschland schafft sich ab. Ganz anders, als Sarrazin denkt.



"Unsere politische Elite und auch viele klassische Wirtschaftsführer verstehen nicht, was zurzeit im Markt passiert." Roman Friedrich von Booz & Co. ( via Carta )

Dieses Zitat zum Thema Digitalisierung und Breitbandausbau aus dem überaus lesenswerten Carta-Beitrag über das "Versagen der deutschen Eliten im Digitalen" könnte als Headline über dutzenden Nachrichten allein aus dieser Woche stehen.

Womit anfangen? Am besten mit dem Zweiten- mit dem Zweiten sieht man besser... Markus Lanz ist nicht nur der erste Moderator, dessen Absetzung eine sechsstellige Zahl von Zuschauern per Online-Petition forderten. Mittlerweile liefert er mit WettenDass zuverlässig Monat für Monat für das einstige Show-Aushängeschild bisher undenkbare Quoten-Tiefststände ab. Letzten Samstag waren es gerade mal noch 5,85 Millionen Zuschauer. Die Februar-Show 1985 ( ja, so lange läuft das schon ) sahen mehr als 23 Millionen.

Aber es besteht Hoffnung. Laut Medienberichten arbeitet das ZDF an einem neuen Format mit Hape Kerkeling und einer neuen Show mit Otto Waalkes. Und für alle Fälle: Die ARD arbeitet parallel daran, Jörg Pilawa und Kai Pflaume zusammen in eine Sendung zu bringen.

So viel Innovation macht sprachlos. Kein Grund zur Sorge wegen irgendwelchen Amazons oder Netflixen. "Experten" wie Michael Schidlack, BITKOM-Bereichsleiter für Consumer Electronics & Digital Home, die behaupten, "das lineare Fernsehen könnte künftig nur ein Dienst unter vielen auf einer Einstiegsseite des TV-Geräts oder Receivers sein"- was wissen die schon. Ein Android - Menü als Fernseher-Startseite mit einem "Reverse Red Button", der erst gedrückt werden muss, um zum "richtigen" Fernsehen zu kommen? Was für ein Quatsch. Vorn ist, wo wir sind. Zum "Eurovision Song Contest" sendet die ARD bei Eins Plus ja jetzt sogar dieses Twitter...

Burda macht die Videoplattform Sevenload dicht. Sevenload ging einst im Jahr 2006 als "deutsche Antwort auf Youtube" an den Start. 2010 erhöhte Burda seine Anteile am Unternehmen und übernahm die Mehrheit. Drei Monate später mussten 20 von 70 Mitarbeitern gehen, weil sich das Portal nur noch auf deutschen Markt konzentrieren sollte. Als Antwort auf Youtube hat Deutschland jetzt noch die GEMA und die Landesmedienanstalten.

Einige feiern es jetzt sogar als Erfolg, dass die GEMA im Streit mit Youtube um die Video-Sperrtafeln vor einem Münchener Landgericht Recht bekommen hat. Das sind aber bestimmt nicht die, die noch bemerken, dass alsbald auf den Social Networks lustige Wettbewerbe um die witzigste neue Sperrtafel-Formulierung stattfanden.

Als nächstes überraschten GEMA und VG Wort Smartphone Hersteller mit Ihrer Idee, Smartphones mit 36 Euro "Urheberrechtsabgabe" zu besteuern. Die Mozilla Stiftung zeigte gerade auf dem Mobile World Congress in Barcelona einen Smartphone-Entwurf, dessen Herstellungskosten auf 25 Dollar, derzeit 18 Euro, gedrückt werden soll.

Offenkundig geht in großen Teilen Deutschlands die Abneigung gegen die neue digitale Welt da draußen mittlerweile so weit, dass darüber der Kontakt zur realen Welt verloren zu gehen scheint. Wir mauern uns ein und verschenken so leichtfertig unsere industrielle und wirtschaftliche Zukunft. Wir haben es schon aufgegeben, konkurrenzfähig zu Amazon handeln, wie Google suchen, wie Facebook netzwerken oder wie Netflix streamen zu können. Stattdessen agieren wir schon fast nach dem Muster von industriefreien Entwicklungsländern, die die Produzenten von Importgütern mit allerlei Gesetzen und Abgaben traktieren, um so zu ein paar Bakschisch-Einnahmen zu kommen weil sie sonst nichts mehr anzubieten haben.

Harald Schmidt hat dieser Tage vorgeschlagen, Berlin abzureißen, um es dann in der Nähe eines funktionsfähigen Flughafens neu wieder aufzubauen. Vielleicht wäre das ja auch eine Möglichkeit für Gesamtdeutschland- abreißen und im Silicon Valley neu hochziehen.








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