Loewe AG: In Schönheit sterben? (3)

Foto: Loewe AG
"Die Installation dauert etwa eine halbe Stunde. Dabei werden das Betriebssystem Windows95, die ISDN-Karte, der Internet-Zugang über T-Online sowie einige Hilfsprogramme mit den Daten des Nutzers gefüttert. Die Prozedur ist für einen PC-Kenner einfach, wer dagegen schon die Fernbedienung eines Fernsehers kompliziert findet, wird sich fragen, ob das die TV-Zukunft sein soll. Nach getaner Arbeit erscheint ein Menü, aus dem man den Internet-Zugang, Windows95 und das E-Mail-Programm starten kann. Außerdem lassen sich elektronische Notizzettel auf die Mattscheibe "pinnen". Gesteuert wird über eine Infrarottastatur mit integrierter Maus. Nach der Einwahl ins Internet öffnet sich der Loewe-Channel mit den aktuellen Nachrichten. Ein Mausklick und man gelangt in den Top-100-Bereich, wo Versandhäuser, Reiseveranstalter und Verlage ihre Dienste anbieten. Genial: In den Seiten der stets aktuellen Programmzeitschrift rtv klickt man auf die gewünschte Sendung und schon springt das Fernsehbild, das in einem kleinen Fenster rechts oben immer mitläuft, auf den passenden Sender.... "
"bild der wissenschaft" über den Loewe Xelos @media, den wohl ersten Smart-TV im Jahre 1998 (!!)

Nun ist es soweit. Die lang erwarteten und angekündigten Investoren für die insolvente Loewe AG sind da. Die PR des Kronacher Edel-TV-Herstellers, eines der letzten in Deutschland, meldet euphorisch: "Der Neustart des TV-Herstellers Loewe ist geglückt. Der Loewe Vorstand hat eine Einigung mit einer Investorengruppe aus deutschen Familienunternehmern und ehemaligen Apple- und Bang & Olufsen-Managern erzielt. Vereinbart wurde die Übernahme wesentlicher Vermögenswerte der Loewe AG. Damit ist der Fortbestand der Traditionsmarke Loewe in Deutschland und in deutscher Hand gesichert."

Nun ja. Wie schon mehrfach vermutet, wird die Loewe AG sterben. Um alsbald als GmbH wieder aufzuerstehen. Die Aktionäre werden nicht erfreut sein- bis zuletzt hatten sie wohl gehofft, dass die Investoren in die AG einsteigen. Weitere 120 Mitarbeiter schaffen es nicht bis in die Rettungsboote- für sie gibt es eine Transfergesellschaft. "Es besteht die Möglichkeit, dass der Investor zu einem späteren Zeitpunkt zusätzliche Teile der Produktion in Kronach übernimmt. Diese wird solange von der jetzigen Loewe Opta GmbH ohne personelle Einschnitte vollumfänglich fortgeführt. Damit werden zunächst rund 80 Prozent der zurzeit noch ca. 550 Arbeitnehmer im Inland weiterbeschäftigt." Klingt für mich nicht nach der Geburt eines Players, den die Großen da mitspielen lassen.

Mit Investoren ist das ja immer so eine Sache. Bei so gut wie allen großen Insolvenzen gibt es sofort nach Bekanntwerden der Probleme allgemeines Geraune über "interessierte Investoren". Ich verstehe das nicht. Denn richtige Investoren, also solche mit Geld, was sollen die mit einer insolventen Firma? Wer Geld hat, kann eine funktionierende Firma kaufen und Gewinne kassieren. Also geht es in der Regel um etwas anderes. Möglicherweise bekommen "Retter" Subventionen. Dazu könnten bestimmte Patente, Kunden, Märkte oder Produkte sowie sonstige Vermögenswerte von Interesse sein. Die insolvente Firma selbst in der Regel eher nicht.

Wer sind die Loewe-Investoren? Hinter der Firma Panthera, die den Übergang von der AG zur GmbH managen soll, steckt ein Konsortium um Constantin Sepmeier und Stefan Kalmund aus München. Beide waren bislang als Immobilien- und Finanzinvestoren aktiv, sind also neu in der Branche. Fürs Fachwissen soll wohl Jan Gesmar-Larsen sorgen. Der Däne war in den 90er Jahren Europa-Chef von Apple und hat auch mal für Dell und den dänischen Nobel-Hersteller Bang&Olufsen gearbeitet.

Nach einer Lösung für das Hauptproblem von Loewe, TV-Hersteller ohne eigene Bildschirmtechnologie zu sein, klingt das erst einmal nicht. Und wenn die Qualitätspresse von Apple-Managern, die Loewe retten, schreibt, möchte Netz-TV darauf hinweisen, dass nach unserem Kenntnisstand Jan Gesmar-Larsen Apple 1997 verlassen hat und den sagenumwobenen Apple-TV zu seiner Zeit somit nicht einmal als Ideenskizze gesehen haben kann. Im Dezember 1996, also kurz vorher, übernahm der damals am Rande der Zahlungsunfähigkeit oder Übernahme durch Konkurrenten stehende Computerbauer Apple eine Firma mit dem Namen NeXT. Mit NeXT kam ein gewisser Steve Jobs zurück in die Firma und alles wurde anders.

Ob Jan Gesmar-Larsen zu einem neuen Steve Jobs für Loewe wird, bleibt abzuwarten. Die Kooperation mit dem chinesischen TV-Hersteller Hisense soll ausgeweitet werden- das ist alles, was zur Lösung des Hauptproblems derzeit bekannt ist.

Dazu zwei Jahreszahlen: 1931 präsentierte Manfred von Ardenne der Weltöffentlichkeit zur Funkausstellung in Berlin die erste elektronische Fernsehübertragung. Auf dem Stand der Firma Loewe. 1968, 37 Jahre später, begann eine kleine Fabrik im chinesischen Quingdao mit der Fertigung sehr einfacher Radios unter dem Namen "Rote Laterne". Weitere 45 Jahre später ist daraus Hisense geworden- und Hisense hat Partnern durchaus Technologie zu bieten. Geld will Hisense aber wohl nicht in Loewe investieren.

Hisense hat tolle TV-Geräte, aber wohl das Problem, dass weit entfernt von Quingdao niemand die Marke kennt. Viele Hisense-Fernseher werden unter fremden Markennamen verkauft. Wenn man da "Loewe" draufschreiben könnte, wäre wenigstens in Europa das Problem zumindest teilweise gelöst. Für den Markennamen Grundig wurde zumindest noch Geld nach Deutschland überwiesen. Bei Loewe werden es wohl Glasperlen Flachbildschirme sein.

Was solls. Man stelle sich vor, Daimler-Benz wäre technisch nicht selbst in der Lage, Motoren zu bauen und auf chinesische Zulieferer angewiesen. Es erginge ihnen wohl nicht besser. Uns bleibt nur, der Firma Loewe die Daumen zu drücken. Der Verstand sagt: Das wird nix. Das Herz sagt: Der Loewe muss in Deutschland bleiben. Das wichtigste technische Gerät meiner Jugend war ein "Stern-Recorder". Der spielte für uns die Musik, die wir hören wollten- ausdauernd, unverwüstlich und in akzeptabler Qualität. Gebaut vom "VEB Stern-Radio Berlin"- hervorgegangen aus einer Fabrik des Loewe-Opta-Konzerns.




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