Kein "Volks-TV" ohne: Der Kampf um Bundesliga-Bilder in Netz und TV

Screenshot: NRW.TV
Das wird bestimmt lustig. Der frühere RTL-Chef Helmut Thoma steigt beim LokalTV-Sender NRW.TV ein, will 24% der Anteile übernehmen und auch noch Mit-Geschäftsführer werden und "sich kümmern". Aus seinem ursprünglichen, weit größeren Projekt "volks.tv" ist zumindest bisher nichts geworden.

Dennoch glaubt damit der deutsche Privatfernseh-Macher überhaupt noch immer an das Lokalfernsehen. In Österreich wie in der Schweiz gebe es erfolgreiche Beispiele für privates Regionalfernsehen. "Und in Deutschland funktioniert das überhaupt nicht? Das kann doch nicht sein!"

Obwohl schon 74, hat TV-Profi Thoma, anders als viele jüngere, ein Grundproblem des deutschen LokalTV erkannt: Die Zuschauer von lokalem Fernsehen werden immer älter und weniger. Jüngere wachsen kaum nach. An lokaler Berichterstattung im Stil der ebenfalls kriselnden Lokalzeitungen ("die Tombola des gemeinnützigen Vereins XYZ war wieder ein voller Erfolg- für Speis und Trank war bei der Scheckübergabe gesorgt") besteht bei ihnen schlichtweg kein Interesse- egal ob zum lesen oder zum gucken.

Es ist ein Irrtum, dass lokales Fernsehen nicht funktioniert. Wenn man zufällig bei NRW.TV im Internet vorbeischaut, zeigt es der Livestream: Es läuft Werbung. Zielgruppengerechte Werbung, zum Beispiel für Mittel für Leute mit Schlafproblem. Insbesondere ältere Menschen haben oft ein Schlafproblem. Es funktioniert also, nur es rechnet sich nicht. Jedenfalls nicht, wenn man damit ein Programm mit einer gewissen Mindestqualität finanzieren und gar noch Gewinn machen will.

Helmut Thoma will deshalb bei NRW.TV zuallererst "Formate für junge Zuschauer entwickeln". Und was geht immer? Natürlich: Fußball-Bundesliga. Schließlich geht es um Nordrhein-Westfalen, das Ruhrgebiet! Ein Borussia Dortmund TV oder Schalke 04 Fernsehen, das wären dort die wirklichen Lokalfernsehsender. Und ein LokalTV, dass sich nicht mit allen Kräften auf die drei wichtigsten lokalen Nachrichtenthemen in dieser Region konzentriert (Fußball, Fußball und wer geht mit wem am Wochenende ins Stadion) braucht gar nicht erst anfangen.

Screenshot: vfbtv
Der gigantische Erfolg der Fußball-Bundesliga schafft allerdings auch ein Problem: Die Rechte zur Berichterstattung sind teuer. Sehr teuer. So kostbar und wertvoll, dass im Zeitalter des Internetfernsehens die Klubs sie am liebsten gar nicht mehr hergeben und selbst senden wollen. So, wie dieser Tage auch der VfB Stuttgart, melden sich die Bundesligaclubs bei den Landesmedienanstalten selbst als Internet-Fernsehsender an und bauen PayTV-Klubkanäle, die natürlich Programmfutter brauchen. Und wenn nach dem Spiel bei einem Jürgen Klopp mittlerweile neben Sky, ARD, ZDF und Co. auch noch das chinesische oder indische Fernsehen zum Interview anstehen, ist das Lokalfernsehen da in der Regel nicht mehr gefragt.

Was also tun? Helmut Thoma hat dafür das "Recht auf Kurzberichterstattung" ausgegraben, das einst Schlagzeilen machte, als die großen Privatsender Ende der 80er Jahre versuchten, die Bundesliga-Rechte exklusiv zu bekommen und das Nationalheiligtum "Sportschau" komplett auszubooten. Thoma will jetzt Reporter mit Smartphone in die Stadien schicken, die mitfilmen und bei der Einlasskontrolle kaum aussortiert werden können. Ein Smartphone hat ja praktisch fast jeder, der ins Stadion geht...

Sollte das gelingen, ist der Punkt erreicht, wo es lustig wird. Schließlich sollen zum Beispiel genau solche Kurzberichte von der Fußball-Bundesliga "BILDplus" zum Erfolg im Internet machen, wofür der von rasanten Print-Auflageverlusten bei BILD gebeutelte Springer-Verlag viel Geld bezahlt hat. Und dann natürlich auch keinen Spaß versteht, wenn es die Bilder dann an jeder Ecke auch noch gibt, vielleicht gar kostenlos.

In den USA wurde dieser Tage ein Kinobesucher von der Homeland Security festgesetzt, weil er beim Film gucken ein Google Glass auf der Nase hatte. Möglicherweise gehen wir auf Zeiten zu, in denen alle Brillenträger im Stadion livestreamen könnten. Was dann? Brille wegnehmen geht nicht. Die wollen das Spiel und die Tore sehen. Brillenträger raus oder jedem einen Einschalt-Kontrolleur zur Seite stellen?

Helmut Thoma ist ein großartiger TV-Mann. Ob er allerdings mit Bundesliga-Bildern das Lokalfernsehen retten wird, ist fraglich. Aber ganze Heerscharen von Rechts- und Staatsanwälten, Medienregulierern, Polizisten und Gesetzesmachern können auf eine gute Beschäftigungslage hoffen.


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