DIE WELT der BewegtBILDer: Springer übernimmt N24


Foto: Axel Springer SE
Stefan Aust wird Herausgeber der WELT. Das war die Medien-Nachricht des Wochenendes, die bei Twitter auch mit dem vorsorglichen Hinweis "kein Witz" verbreitet wurde. Denn Stefan Aust war lange Jahre SPIEGEL-Chefredakteur und eigentlich war es bis vor kurzem fester Bestandteil der ungeschriebenen bundesrepublikanischen Medienordnung, dass ein personeller Austausch, zumindest auf Entscheiderebene, unter den beiden von den großen Gründungsvätern Axel Cäsar Springer und Rudolf Augstein hinterlassenen Medienimperien nicht stattfand. Wegen "kultureller Unterschiede".

Seit einigen Monaten ist da aber statt Funkstille ein reger Personalaustausch zu beobachten. Dennoch, Stefan Aust als WELT-Herausgeber? Okay, er hat noch nach seinem Ausscheiden beim Spiegel als Autor für die Zeit geschrieben. Aber das passt auch nicht wirklich zusammen und eigentlich- eigentlich war Stefan Aust ja schon immer mehr Fernsehmacher als Printjournalist. Legendär sein stets den Abscheu über die gleich kommenden frisch aufgedeckten Skandale perfekt zeigender Gesichtsausdruck bei "Panorama", dann bei "SPIEGEL.TV". Mittlerweile ist er seit 2010 Miteigentümer und Geschäftsführer des Nachrichtensenders N24. Angefangen hat er mal als Redakteur von "konkret". Als unter anderem eine Ulrike Meinhof dort Redakteurin war... Okay, laut Wikipedia wird "konkret" mittlerweile "vom Verfassungsschutz dem undogmatischen Linksextremismus zugeordnet". Also kurz für Nicht-Medienmenschen: Stefan Aust als WELT-Herausgeber ist ungefähr in etwa das gleiche, als würde der Vatikan beim Playboy einsteigen.

Bevor das versammelte bundesrepublikanische Feuilleton mit der Analyse des ungewöhnlichen Vorgangs beginnen konnte, kam heute die Auflösung- und auch die ist ein Kracher:


"Die Axel Springer SE erwirbt die N24 Media GmbH zu 100 Prozent. Im Zuge der Übernahme des Nachrichtensenders ist geplant, N24 und die WELT-Gruppe zusammenzuführen, um im deutschsprachigen Raum das führende multimediale Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus zu etablieren. Gleichzeitig wird N24 zentraler Bewegtbildlieferant für alle Marken von Axel Springer." So meldete es heute das Presseportal des Axel-Springer-Verlags.

Man mag vom Springer-Verlag halten, was man will: Wenn es den Titel gibt, dann ist Springer unangefochten der "Verlag des Jahres". Für die stolze Summe von 920 Millionen Euro, fast eine Milliarde, wurden sämtliche Regionalzeitungen sowie Programm- und Frauenzeitschriften an die Funke-Gruppe, ehemaligs WAZ-Konzern verkauft. Darunter wirklich große Namen wie “Hamburger Abendblatt”, “Berliner Morgenpost”, “Bild der Frau” oder “Hörzu”. Dann setzte mit Springer erstmals ein Printverlag im Online-Bereich auf Bewegtbilder als zugkräftigen Hauptinhalt, erwarb Internet-Rechte für Spielbilder der Fußball-Bundesliga und brachte für eine von zwei großen verbliebenen Printmarken, für BILD, das Bezahlangebot "BILDplus" an den Start.

Und nun wird die zweite Marke, DIE WELT, konsequent digitalisiert und mit Investitionen gestärkt. So gestärkt, dass sie auf Augenhöhe mit dem "SPIEGEL" um die Online-Marktführerschaft kämpfen und bisherige Konkurrenten wie FAZ, ZEIT oder Süddeutsche klar hinter sich lassen soll. Das Mittel dazu: Bewegtbild. Springer hat anscheinend als einziger deutscher Verlag verstanden: Internet ist kein Printmedium- Internet ist interaktives Digitalfernsehen mit Print-Ergänzungen. Es wird in Zukunft wohl keine bedeutenden Print-Medien mehr im Internet geben. Aber man kann die wertvollen Zeitungsmarken nutzen, um das neue Medium zu erobern. Vorige Woche ist "DIE WELT" in ihren neuen "Newsroom" umgezogen. Dort ist die Berichterstattung erklärtermaßen Online-Berichterstattung- deren Ergebnisse auch noch für Printausgaben zweitverwertet werden können:



Wer das Rennen um die deutsche Medien-Marktführerschaft im Online-Zeitalter gewinnt, ist noch offen. Aber Springer-Chef Mathias Döpfner kann mit dieser Mannschaftsaufstellung locker für die Champions League planen. Zwar muss das N24-Geschäft noch vom Bundeskartellamt genehmigt werden. Im Gegensatz zur einst von Springer angestrebten Übernahme der gesamten ProSiebenSat.1-Gruppe sollten die Chancen aber besser stehen. Schließlich ist ProSiebenSat.1 ja nicht gezwungen, auch weiterhin die Nachrichten von N24 zu beziehen. Und auf dem Papier hat Springer ja gerade erst sehr viel "Meinungsmacht" abgegeben...

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