Tatort Thüringen. Das ultimative Prequel zum Heimat-Krimi.


An silberklaren Bächen sich manches Mühlrad dreht,
da rast' ich, wenn die Sonne so glutrot untergeht.
Ich bleib' solang' es mir gefällt und ruf' es allen zu:
Am schönsten Plätzchen dieser Welt, da find' ich meine Ruh'.

Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen, 
Vöglein sangen Lieder. 
Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, 
Thüringer Wald, nur nach dir.

Das ist Thüringen. So hat es zumindest der unsterbliche Herbert Roth besungen und wenn es eine Thüringer Nationalhymne gibt, dann ist es sein Rennsteig-Lied. Für immer. Aber Thüringen hat Probleme. Es ist eines dieser- wie sagt man so- "jungen Bundesländer". Oder wie der Ruhrgebietsprolet es direkt und unverblümt sagen würde: "Ostzone".

Ja, man kann hier prima wandern. Aber kein Geld verdienen. Thüringen ist stolz auf ein auch für das Nach-Hartz IV-Deutschland ausgesucht geringes Gehaltsniveau, weshalb die Thüringer Herbert Roth und das Wandern wiederentdeckt haben, sie wandern, sie wandern in immer größerer Zahl, und sie wandern vor allem eins- sie wandern aus. Vor allem nach Bayern oder Hessen. Was der Landesregierung zunehmend Sorgen macht. Oder vielleicht schon nackte Panik bereitet. Buchen, Fichten, Tannen zahlen ebenso wie silberklare Bäche keinen Euro ein für Staatsekretärs-Pensionen und die Rollatoren für die Zurückgebliebenen sind noch immer von der Kfz.-Steuer befreit.

Was tun? Natürlich- was mit Medien. Das funktioniert immer, Medien machen bekannt, und wenn ja wenn.. Also wenn die Leute nur wüssten, wie toll es in Thüringen ist, dann wären sie doch hier- oder? Zumindest ist es nicht falsch, dass Thüringen ein Bekanntheitsproblem hat. Früher hatte ich beruflich öfter mit großen Werbeagenturen zu tun. Die sind in der Regel weit im Westen. Kam zur Sprache, dass ich aus Jena bin, hatten alle schon einmal von der Stadt gehört. Etwa die Hälfte der Gesprächspartner hielt Jena für eine Stadt in Sachsen, die andere hielt Jena für eine Stadt im Westen. Bei "Thüringen" dachte niemand an ein Frei-Staatsgebilde aber alle an "Wurst". Neulich las ich bei einem, der beruflich viel per ICE zwischen München und Berlin pendelt, es sei doch sehr schön da, so zwischen Bayern und Leipzig. Irgendwie fühle er sich beim Anblick der Landschaft an die Hobbits und ihr Auenland erinnert, alles sei so schön entschleunigt und so grün und so ganz anders als in den Metropolen. Au weh. Die Hobbits haben kein elektrisches Licht und vom Internet noch nie etwas gehört.

Der Freistaat hat also ein Imageproblem und so erquengelte man sich als erstes nach der Wende einen richtigen eigenen Fernsehsender. Da alle Sender schon vergeben waren, blieb nur der MDR-Kinderkanal. Dieser wurde durch seinen absoluten Top-Star, Bernd das Brot, sowie mit Rechnungs-Affären durchaus auch überregional bekannt. Ein erster Erfolg? Nur bedingt- Bernd ist, obwohl eigentlich importiert, für mich die treffendste Darstellung des Thüringer Nationalcharakters, die man sich vorstellen kann. Aber für seine zahlreichen Fans steht er nicht für Thüringen, sondern für zu kurze Arme. Was auch irgendwie gut zusammenpasst, aber die Bekanntheit des Freistaates da draußen nicht voranbrachte.

Als nächstes kam die Kombination zweier ultimativer Geheimwaffen zum Einsatz: "Familie Dr. Kleist"- Arzt- und Familienserie in einem, spielt sich seit einigen Jahren durch eine Art Rosamunde-Pilcher-Eisenach. Dieses Programm und seinen Erfolg verstehe ich nicht. Böse Menschen behaupten, es sei für eine Zielgruppe, die jetzt auf Bustouren im Glottertal nach der Wartburg sucht.

Das reicht also alles noch nicht. Die Idee: Ein Tatort-Ermittlerteam muß nach Thüringen kommen. Schließlich leiden alle Metropolregionen der Welt unter Kriminalität- und Krimis, vor allem am Sonntag Abend- da schaut noch die ganze Nation zu. Und hipp muss es sein. Vor allem irgendwie jugendlich. Typisch MDR und Thüringen eben.

So wurden erst einmal Kommissare engagiert, deren Kernkompetenz darin besteht, jung zu sein- so um die 30 mit einer noch etwas jüngeren Praktikantin. Zwar ist es in echten Thüringer Polizeirevieren wohl wahrscheinlicher, einen Klingonen als Kommissar anzutreffen, als einen 30-jährigen- aber geschenkt. Als nächstes wirft dies natürlich Drehbuch-Fragen auf. Traum-Kommissare waren früher eigentlich immer die Herren, von denen Falco einst sang "wenn er di anschaut und du woaßt warum...", also eher so Herren wie Horst Tappert als Derrick, Eric Ode als "Der Alte" und so. Oder wer kennt noch Jean Gabin als "Kommissar Maigret"? Alle zusammen eint, dass sie einen 30-jährigen höchstens den Wagen vorfahren lassen und den Verdächtigen aus vielen Jahren Lebenserfahrung heraus, vertraut mit allen Abgründen der Verbrecherseele, vom ersten Augenblick an bis tief ins Innerste durchschauen.

Das funktioniert mit 30-jährigen Kommissaren so nicht. Was könnte da funktionieren? Diese Frage konnte leider bis zum Abschluss der Dreharbeiten nicht geklärt werden. Herausgekommen ist so eine Art Harry Potter-Verschnitt, Harry, Ron und Hermine stolpern durch Erfurt aber sie können nicht zaubern. Sie müssen nur sehr eigenartige Dialoge führen, mit vielen merkwürdigen Worten, von denen öffentlich-rechtliche Mitarbeiter kurz vorm Pensionsalter glauben, dass Jugendliche sie ständig benutzen.

Ein solches Drama entsteht so: Wenn man nicht weiß, woher ein gutes Drehbuch kommt, macht man am besten eine Ausschreibung. Das wiederum kann auch Ärger einbringen- vor allem wenn einer plötzlich wirklich wissen will, warum in öffentlich-rechtlichen Kreisen welches Drehbuch angekauft wird. Denn da kommen ja hin und wieder merkwürdige Geschichten ans Licht, die die journalistische Lust am Nachfragen wecken. Zwar ist das "Thüringen-Tatort"- Drehbuch kein solcher Fall, aber dennoch der Nachfrage durchaus wert. Es gibt schlimmere Drehbücher mit noch mehr Klischees im deutschen Fernsehen, vor allem, wenn es ins ferne Ausland geht und blonde deutsche Frauen dort arme schwarze Babys retten oder edle islamistische Beduinen modernisieren. Trotzdem ist auch "Kalter Engel", na ja, wie es halt ist, wenn ein Drehbuchautor im einst besten Kommissarsalter (Thomas Bohn ist Mittfünfziger) unbedingt eine fiktive, um eine Generation jüngere Welt ausgerechnet in Thüringen erschaffen soll, obwohl er sonst anscheinend weder mit Thüringen noch mit unter 30-jährigen viel zu tun hat.

Es ist höchste Zeit, dass im öffentlich-rechtlichen Fiction-Bereich einmal durchgehend modernisiert wird. Der Gebührenzahler hat für sein Geld ein Recht auf Gegenleistung. Gegenleistung auf konkurrenzfähigem Niveau statt Produktionen zum Fremdschämen, wenn man sie mit dem Niveau der aktuellen skandinavischen, britischen oder US-Produktionen vergleicht. Statt dessen bilden sich im deutschen Fernsehen schon so etwas wie aristokratische Erbmonarchien, nicht wenige Programme verströmen einen intensiven Geruch nach Gruft. Als Gegenleistung könnte man den Fernsehmachern wieder erlauben, mehr Fernsehen zu machen statt regionale Entwicklungspolitik. Es gibt eigentlich genug gut bezahlte Politiker und Verwaltungsangestellte, die sich darum kümmern könnten, zu Recht oder Unrecht von der Welt vergessene deutsche Provinzen wieder etwas bekannter zu machen.

Vielleicht dürfen Kommissare dann auch wieder über 50 und als Ausgleich die Drehbuchautoren 30 Jahre alt sein.

Nachtrag: Mehr als 10 Millionen haben zugeschaut, Donnerwetter. :-) Na dann los, ihr vielen Neu-Thüringer, lernt schon einmal singen:

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