Lokal-TV stirbt leise, meistens (4): Aus der Zeit gefallen (2)


I work all night I work all day to pay the bills I have to pay 
ain't it sad
and still there never seems to be a single penny left for me 
that's too bad 
in my dreams 
I have a plan 
if I got me a wealthy man 
I wouldn't have to work at all I'd fool around and have a ball 
Money money money 
must be funny 
in the rich man's world 
money money money 
always sunny 
in the rich man's world 
ahaaa ha aa 
all the things I could do 
if I had a little money 
it's a rich man's world 
It's a rich man's world

                 ABBA

Ja, so einfach könnte es sein... Aus dem Vollen schöpfen. Gestalten können, ohne auf das Kleingeld achten zu müssen. Endlich, endlich, befreit von Sparzwängen machen können, was man selbst für gut und richtig hält- nein, von dem man weiß, dass es gut und richtig ist...

Aber erstmal von Anfang an. Christine Fürböck und Cornelia Dunker von Jena TV haben am Freitag den gemeinsam von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt (MSA), der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) und der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) ausgelobten "Rundfunkpreis Mitteldeutschland ‒ Fernsehen" gewonnen. Und zwar den Hauptpreis – dotiert mit immerhin 2.500 Euro – in der Kategorie "Bester Beitrag/Bestes Porträt". Den gibt es jetzt schon im neunten Jahr, diesmal wurde er vor 350 Gästen im Leipziger Gondwana - Land vergeben. Eine aufwändige Gala in exclusiver, interessanter Location.

Fernsehpreis !! Gala !! Ja. Roter Teppich !! Medienrummel !! Denkste... Im Jahr 2013, in Zeiten also, in denen belangloseste Pressemeldungen automatisiert Millionen verschiedenster Nachrichtenquellen im Netz fluten, ist 72 Stunden nach dem Event die einzige Meldung eine auch noch fehlerhafte kurze Notiz des wackeren Bürger-"Webreporters" Konrad Riedel für Bild.de, genauer für "leipziglive Leipzig.Süd" auf Bild.de. Beim Bambi  vor einigen Tagen hätten die Schuhe der Freundin des dritten Kameraassistenten von jemandem, der einmal einen Film machen wollte, wohl mehr Resonanz bekommen. Lokalfernsehen, zumal in Ostdeutschland, bleibt trotz aller Bemühungen der Landesmedienanstalten eine öffentliche Veranstaltung weitgehend ohne Öffentlichkeit. Warum?

Der Siegerbeitrag hat den Titel "Leben mit Handicap: Mathis Busse besucht die Grundschule ‚An der Trießnitz‘" und zeigt, so die Pressemitteilung, "in besonderer Weise, wie Regionalfernsehen Menschen verbinden kann." Der Zuschauer lernt den 12-Jährigen Mathis kennen, der trotz seines Handicaps mit Unterstützung seiner Mitmenschen seinen Alltag gut meistert. Dabei lobte die Jury die detailreiche Recherche und Sensibilität bei der Realisierung des Beitrages- denn "die Nähe zu den Menschen ist der Nährboden für gute Themen und gutes Lokal-TV". Ist das so?

Nein. Die behauptete "Nähe zu den Menschen" existiert in Wahrheit nicht. Oder genauer gesagt: Der ausgezeichnete Beitrag ist sicher nahe am Menschen Mathis Busse. Nahe an den Menschen, für die das lokale Fernsehen angeblich sendet, ist er nicht. Sicher ist das Thema verdienstvoll. Und auch wichtig. Vielleicht ist es ja auch aufgegriffen worden, weil Jurys solche Themen gern mit Preisen bedenken und sicher ist es auch gut und notwendig, über solche Themen zu berichten. Irgendeinen Bedarf beim Zuschauer für derartige Beiträge gibt es aber schlichtweg nicht, so beklagenswert dies auch ist. Und das trifft leider auf die meisten Beiträge des Lokalfernsehens zu.

Die Redaktionen der Sender haben in der Regel weder die Verbindungen vor Ort noch die journalistische Recherche-Kapazität, um wirklich relevante Themen zu bearbeiten. Es fehlt schlicht an den notwendigen Einnahmen, um entsprechende Möglichkeiten auch nur ansatzweise aufzubauen. Von einer materiellen Basis, die es erlauben würde, journalistisch unabhängig auch einmal ein lokales "heißes Eisen" zu bearbeiten, vielleicht gar wichtige Menschen damit zu verärgern- von einer solchen Ausstattung ist nicht einmal zu träumen. Damit ist das Lokalfernsehen beschränkt auf Themen, die niemandem wehtun und in der Produktion möglichst wenig kosten. Dafür gibt es beim Zuschauer keinerlei Bedarf. Das Publikum für Lokalfernsehen wird Jahr für Jahr kleiner, wachsen tut allein der Altersdurchschnitt. In der steigenden Flut digitaler Sender und neuer technischer Fernseh-Möglichkeiten verschwinden die Sender "vom Radar"- und das selbst bei den Zuschauern, die sonst eigentlich an lokalen Nachrichten sehr interessiert sind. Auch gut gemeinte Basteleien im Internet helfen da nicht weiter- im World Wide Web muss man sich die Zuschauer gegen die globalen Giganten erkämpfen, und die halten mit der ganzen Bandbreite von Katzencontent bis Emmy-preisgekrönten Hochglanz-Fernsehserien dagegen.

Was also tun? Irgendwie merkt man es schließlich bei den Sendern selbst- für mehr Zuschauer oder gar mehr von den so dringend benötigten Werbekunden braucht es eine Infrastruktur auf einem anderen Niveau. Das wiederum erfordert Geld, viel Geld, und dieses ist auf dem in Deutschland praktisch nicht existenten lokalen TV-Werbemarkt nicht zu erwirtschaften.

Zwar ist lokales Fernsehen offiziell Privatfernsehen- aber zumindest viele der kleinen ostdeutschen TV-Stationen wollen eigentlich in Wahrheit kein Privatfernsehen sein. Privatwirtschaft heißt: Produkte, für die es einen Bedarf gibt, in konkurrenzfähiger Qualität zu konkurrenzfähigen Preisen herzustellen, am Markt abzusetzen um damit Gewinn zu erwirtschaften. Weder von RTL noch ProSiebenSat1 ist die Produktion eines Beitrags wie des ausgezeichneten Jena TV-Films zu erwarten. Sie sehen keinen Bedarf beim Zuschauer und damit keinen Absatz und keinen Gewinn. Es ist eigentlich ein Thema für öffentlich-rechtliche Sender....

In Frankfurt an der Oder hat der BLTV, der "Bundesverband Lokalfernsehen e.V." seinen Sitz. Dort hat man von "zu erwartenden Mehreinnahmen der neuen Haushaltsgebühr" für die öffentlich-rechtlichen Sender gehört. Zu erwartende Mehreinnahmen- wenigstens einmal möchte man das wohl auch haben. Dazu will man nicht weniger als das deutsche duale Mediensystem aus den gesetzlichen Angeln heben und ein "Lokal-Regionales duales Mediensystem" daraus bauen. Oder zu deutsch: Man will einen Anteil von der GEZ-Kohle. Da wird ja so vieles finanziert, da kommt es auf ein paar Euro mehr oder weniger nicht an. Dann kann man den Geburtstagsglückwunsch-Beitrag für den örtlichen Sparkassen-Chef vielleicht auch in HDTV machen und er zeigt sich beim nächsten Werbeauftrag dankbar.

Ja, so einfach könnte es sein...
Da sind bestimmt alle dafür.

Ich glaube, beim BLTV ist man auch aus der Zeit gefallen. Da fällt mir als Kenner der Musik der dazu passenden 70er und 80er Jahre eigentlich nur noch was von Harpo zu ein.

Das könnte aber ehemalige Kollegen verärgern, die einen tollen Job für wenig Geld machen und gar nicht gemeint sind. Denn hier der notwendige Disclaimer: Der Autor war von 2002 bis 2010 als Geschäftsführer für Jena TV verantwortlich. Deshalb lassen wir das jetzt mal weg.



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