"House of Cards" ist abgebrannt: Fernsehkritiker in der Qualitäts-Filterblase

Okay, Sat.1 muss sicherlich noch üben, wie man die vielen neuen und großartigen US-Serien mit dem deutschen TV-Publikum zusammen bringt.

Aber die Quoten von gestern Abend sind schon so etwas wie ein Schock. Zumindest für die, die zu wissen glauben, was Qualitätsfernsehen ist und was nicht. Die Mutter aller US-Qualitässerien, "House of Cards", Emmy-Preisträger, als erste TV-Serie überhaupt für das Streaming per Internet von Netflix produziert und damit Sinnbild der "TV-Revolution" an sich, mit einem wirklich überragenden Kevin Spacey in der Hauptrolle als machiavellinesker US-Kongressabgeordneter auf Rachefeldzug, wollten gerade einmal 6,8% der 14 bis 49-jährigen Zuschauer sehen.

6,8% derjenigen, die um diese Zeit Fernsehen schauten- das weisen Quotenprozente aus. Also etwa einer von fünfzehn.

 "Ich bin noch nicht satt" sagt Kevin Spacey am Schluss beim fetten morgendlichen Frühstück, nachdem sein erster Coup in der Zeitung steht. Die Sat.1-Verantwortlichen werden es nach der morgendlichen Zahlen-Lektüre gewesen sein.

Dabei hätte es der Abend für alle ernannten und selbsternannten TV-Qualitätswächter werden können, ja eigentlich sogar müssen. Das Erste um 20.15 mit einem neuen (!) Schimanski-Tatort frisch aus dem Ruhrpott. RTL mit James Cameron's "Avatar- Aufbruch nach Pandora", den gab es noch nicht oft im Free-TV zu sehen. Das ganze noch getoppt von der Free-TV-Premiere der "Tribute von Panem- The Hunger Games" auf ProSieben. Da könnte man fast befürchten, dass die Programm-Munition für den Rest des Jahres jetzt verballert ist. Also ein Abend, wie gemacht fürs Qualitäts-Fernsehen. Da fällt doch nur die Auswahl für den Start schwer. Okay- Tatort, Hunger-Games oder blaue Riesen im Pandora-Dschungel: Geschmackssache. Aber danach, das muss doch klar sein, bei diesem genialen Vorlauf, also logisch, 23.15 "House of Cards" auf Sat.1.

Pustekuchen. Zwar war der Auftakt noch halbwegs okay- neben dem gesetzten Schimanski konnte auch der Zielgruppen-Tagessieger Hunger-Games das ZDF-"Herzkino" mit "Das Mädchen mit dem indischen Smaragd" sogar beim Gesamtpublikum noch knapp schlagen. Am Abend wurde es dann aber wirklich bitter. Fast 20% der Zielgruppe schauten statt Kartenhäusern lieber "Die Todeskandidaten- Das Spiel heißt Überleben" auf ProSieben. Bis auf ziemlich viel in mäßiger Qualität gefilmtem hirnlosen Gemetzel war das von der Filmgesellschaft der Wrestling-Liga WWE produzierte Kunstwerk, eine Art Hunger-Games für Geistesarme, nahezu völlig inhaltsfrei.

Wo liegt der Fehler? Die "Filterblase" gilt als neues Internet-Phänomen. Social-Media, die Algorithmen der Inhalteanbieter und Suchmaschinen sowie nicht zuletzt unsere eigene Auswahl sorgen dafür, dass uns zunehmend nur noch die Informationen erreichen, die wir selbst "mögen", die unsere eigene Meinung und Vorstellung von der Welt da draußen bestätigen. Denn das ist doch das, was wir hören wollen. Was auch TV-Programmkritiker hören wollen. Im Gegensatz zum früheren "Programm" oder zur Zeitung liefert uns das Internet die Informationen, die wir wollen. Der Rest gerät aus dem Blickfeld. Sogar die Informationen, die wir gern hätten, wenn wir denn wüssten, dass es sie gibt. Denn das ist ja wiederum Voraussetzung für das "haben wollen"...

Wer sich mit der Qualität von Fernsehen beschäftigt, beschäftigt sich in Wahrheit mit seiner eigenen Vorstellung davon, was denn nun Qualität sei. Alle Kritiker lieben "House of Cards". Das bedeutet aber nicht, dass auch das Publikum Serien über US-Kongressabgeordnete mögen muss. Alle Medien sind voll von begeisterten Berichten über "House of Cards". Der Zuschauersaal bleibt leer. Das ist dann wohl die klassische "Filterblase".

Was ist aber nun "Programmqualität"? Ganz einfach. Ein Definitionsproblem. Denn jeder hat seine eigene Vorstellung von "Qualitätsfernsehen". Was nichts daran ändert, dass nach einer aktuellen Umfrage sich die Hälfte der Zuschauer unzufrieden mit der Qualität des Fernsehprogramms zeigt und sich "anspruchsvollere Unterhaltung" wünscht. Um anschließend nach Hause zu gehen und sich wahlweise Bauern auf der Suche nach Frauen oder von der Wrestling-Liga WWE produzierte Filme anzuschauen.

Heute und morgen gibt es das 17. "Medienforum Mittweida"- ja Mittweida, "irgendwo im nirgendwo" wie DWDL so treffend schreibt. Aber mittlerweile ist das studentische Medienforum eine Veranstaltung fast schon auf Augenhöhe mit den großen Medientagen in den großen Städten auf der immerwährenden Suche nach Wandel und Zukunft.

Da gibt es tatsächlich unter dem Titel "Mangelware Qualitätsfernsehen" ein Experten-Panel zu dieser brisanten Frage. Wir sind gespannt und auch selbst weiter auf der Suche nach Qualität. Ohne die Meinung aufzugeben, dass "House of Cards" einfach tolles Qualitätsfernsehen ist.

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Kommentare

  1. Hab nach der Hälfte des Artikels abgebrochen. Ich dachte, es ginge um HOUSE OF CARDS, nicht um Schimanski, Avatar und ähnlichen Quark. :-/

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    1. Sind Sie es wirklich? :-) Es geht schon um House of Cards- um die Frage, wieso so wenig auf Sat.1 zuschauen, dass die Gefahr besteht, dass die zweite Staffel dort gar nicht mehr ankommt.

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  2. Dieses Template funktioniert nicht mit Safari. Ein Teil des Textkorpus wird von der rechten Sidebar verdeckt, und daran ändert sich auch durch Zoomen nichts. Wenn hier Tippfehler stehen, dann waren sie auch von der Leiste verdeckt. Ich tippe hier teils im Blindflug.

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    1. :o Danke für den Tipp. Nur diese Seite mit Twitter-Frame oder generell? Safari mit MacBook?

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