Endlich weggesperrt: Sat.1 bringt Dr. Hannibal Lecter zur Strecke

Screenshot: Sat1.de
Dr. Hannibal Lecter, forensischer Psychiater, Serienmörder und Kannibale ist gemeinhin für starke Nerven bekannt.
So soll er im Haftkrankenhaus einer Krankenschwester ohne messbare Beschleunigung der Herzfrequenz die Zunge weggegessen haben. Selbst Jodie Foster konnte ihn nicht wirklich aus der Ruhe bringen.

Zum Glück ist Hannibal Lecter, laut glaubwürdigen Aussagen des amerikanischen Schriftstellers Thomas Harris, 1933 in Litauen geboren und damit 80 Jahre alt. Denn nach den Vorgängen rund um seine Fernsehserie bei Sat.1 würde Dr. Lecter, so wie wir ihn kennen, möglicherweise eine Deutschlandreise planen. Mit 80 Jahren sieht man die Dinge aber sicherlich auch als Vorzeige-Kannibale etwas gelassener.

Was ist passiert? Nun, Dr. Hannibal Lecter hat nach Jahren großer Erfolge im Buchladen und im Kino jetzt eine eigene Fernsehserie. Die wurde gestern Abend bei Sat.1 wegen Quotenschwäche noch eine weitere Stunde später als bisher ausgestrahlt und ging ab 23.15 Uhr, eigentlich erwartbar, gegen die sich gleichzeitig auf RTL II tummelnden Zombies von "Walking Dead" quotentechnisch endgültig unter.
Dabei hatte es, dank flächendeckend wohlwollender Vorberichterstattung vier Folgen früher richtig gut angefangen.

Jetzt könnte man sagen: Was soll's. Hannibal ist nun mal, egal ob als Buch, Kinofilm oder TV-Serie, wenn man das jetzt so sagen kann, Geschmackssache. Aber das hat die Serie nicht verdient. Zwar wurde die Serie auch in den USA von den Kritikern mehr geliebt als vom Publikum, nach fulminantem Beginn bröckelten auch die NBC-Quoten. Aber dafür, dass die zweite Staffel der Serie in Produktion ging, hat es gereicht. Es gibt nun einmal einen großen Teil potentieller Zuschauer, der auf Hirschgeweihe aufgespießte nackte junge Damen als TV-Abendunterhaltung nicht mag- egal wie grandios Drehbuch und Musik sind, egal wie großartig die Darsteller dort agieren und Regisseure das Ganze in Szene setzen. Und das ist auch gut so.

Was hat Sat.1 bei "Hannibal" eigentlich falsch gemacht? Ganz einfach: Dr. Lecter wird dort völlig konzeptionslos "versendet". Und Hannibal ist nicht allein. Auch der "Golden-Globe" und "Emmy"- Gewinner "Homeland", in den USA eine Sensation, ist bei Sat.1 zunehmend im Quoten-Keller. Und, man ahnt nichts Gutes, auch die "Mutter aller neuen Serien" aus den USA, das großartige "House of Cards" mit Kevin Spacey, startet in Deutschland am 10. November gewohnt "zuschauerfreundlich" um 23.15 Uhr auf Sat.1.

Großes Fernsehen aus den USA wird in Deutschland derzeit zunehmend lieblos verramscht. Weil es bei den Sendern keinerlei wirklichen Plan gibt, was sie senden, wann und warum. Man starrt statt dessen auf Zuschauerquoten und "Audience flow" in eingebildeten Zielgruppen. Sicher bekommt der Programmplaner noch die rechtlichen Rahmenbedingungen eines Programms als Kurzbeschreibung. Also so etwas wie "Hannibal geht erst nach 22 Uhr". Das war es dann wohl aber- die Inhalte interessieren offenkundig niemanden, gehandelt wird ex und hopp nach Excel-Tabellen und der letzte, der noch wusste, dass es früher einmal die Aufgabe eines Programmplaners war, gute Programme zum Erfolg "zu führen", ist wohl längst im Vorruhestand.

Eine Zeit lang hat das gut funktioniert. Das deutsche Publikum hatte die Verfahrensweisen anscheinend akzeptiert. Ist doch eigentlich egal, dass die Rahmenhandlung durch das planlose Einstreuen von Wiederholungen ständig vor- und zurückspringt, Dr. House kurierte jedesmal eine ausgesprochen kuriose Erkrankung und bei Bedarf auch quotenschwache Sendeplätze an jeder Programmstelle in Not.

So funktioniert das aber in Zukunft nicht mehr. Wenn es ein gemeinsames Erfolgsrezept der neuen US-Serien gibt, dann ist es der neue Stellenwert der "Rahmenhandlung"- vielleicht gibt es die so schon gar nicht mehr. Eigentlich handelt es sich um auf Hollywood-Niveau produzierte, überlange Spielfilme mit einer durchgehenden, spannenden Handlung die durch ein paar "Cliffhanger" ganz gut in Teilen angeschaut werden kann. Die nicht oder nur sehr eingeschränkt funktioniert, wenn man Teile verpasst oder etwa nicht in der vorgesehenen Reihenfolge anschaut. Nicht umsonst greift der Trend um sich, sich eine ganze "Season" oder gar die ganze Serie am Stück anzuschauen.

"Hannibal" wird auch in Deutschland ein Erfolg werden. Genau so wie "Homeland" oder "House of Cards". Ganz einfach, weil sie in ihrem jeweiligen Genre Maßstäbe für Qualität setzen. Und wenn "Sender" nicht mehr die Institution sind, welche diese Programme zum Erfolg führen, werden andere diese Aufgabe übernehmen. Zum Beispiel das Netz-TV on demand- die Netflix, Lovefilms, Googleplays, Skys oder Watchevers dieser Welt. Die Zukunft des Fernsehens sind Marken- starke Programm-Marken und nicht unbedingt Sender, denn es gibt eine Welt neuer Möglichkeiten, Programme zu empfangen. Die Sender müssen selbst zu Marken werden, sonst werden sie ihr Publikum verlieren. "Hannibal" ist eine starke Programm-Marke. "Homeland" auch und natürlich "House of Cards". Deutsche Programm-Marken heißen "DSDS", "BSF", "TVOG" oder "Tatort". Für was aber steht "Sat.1"? US-Qualitätsserien?? Gewiss nicht. Eigentlich fällt einem zu "Sat.1" maximal ein bunter Ball und Ulrich Meyer ein. Suchen würde ich die US-Serien dort nicht.

"Der im Marketing verwendete Begriff Marke steht für alle Eigenschaften, in denen sich Objekte, die mit einem Markennamen in Verbindung stehen, von konkurrierenden Objekten anderer Markennamen unterscheiden." So sagt es Wikipedia. Ja klar, der Ball und Ulrich Meyer. Das können auch US-Qualitätsserien sein. Immerhin ist es ja verdienstvoll, dass die Muttergesellschaft ProSiebenSat1 die Rechte für diese Serien kauft und sie synchronisiert dem deutschen Publikum kostenfrei zum Gucken bereitstellt.

Man kann aber nicht "Marke für alles" sein. Man muss sich entscheiden. Wer der US-Serienkanal werden will, braucht verlässliche Sendeplätze, auch für Wiederholungen. Sendeplätze, die das Publikum als Unterscheidung zu anderen Kanälen "lernen" kann. Er braucht die Möglichkeit, Folgen on demand "nachholen" zu können. Da ist Sat.1 ja schon gar nicht so schlecht. Als nächstes die Kaufoption fürs Streaming ganzer Staffeln. Ständige Bewerbung der festen Serienplätze im sonstigen Programm. Und das eine oder andere mehr. Zum Beispiel eine solide und langfristige Einkaufsplanung, mit der Aufgabe, einen festen wöchentlichen Sendeplatz ununterbrochen mit US-Serien-Premieren der ersten Liga füllen zu können. Dann kann es etwas werden. Nach einem Jahr oder zwei. Bis dahin müsste man aber auch die Controller wegschicken. Ob das möglich ist?




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