Das Twitter muss weg: Die nicht mehr Unantastbaren


Zu Beginn redet man gewöhnlich über das Wetter. Wenn keine oder kaum Frauen dabei sind (kommt immer noch vor), auch über Fußball. Die Dauer des Small-Talks entspricht dem über Generationen eingeübten Rhythmus. Danach beginnt die Sitzung- im Normalfall mit der Bestätigung der Tagesordnung und des Protokolls vom letzten Mal. Denn alles was nach dem Small-Talk besprochen wird, ist wichtig und wird protokolliert. Ganz wichtig. Ganz, ganz wichtig. Es tagt: Das Gremium.

Gremien sind das Herz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und das Gehirn. Und was immer sonst noch von Bedeutung sein könnte- Gremien sind alles. Es gibt viele Gremien in den Sendern, große wie Rundfunk- und Fernsehräte und viele kleinere. Mit vielen Mitgliedern. Die sitzen dort aus vielerlei Gründen. Meistens aber nicht, weil sie aktuell durch das Machen toller Programme aufgefallen sind. In die Gremien kommt man, weil man etwas ist, was gerade gebraucht wird. Frau zum Beispiel. Oder meinetwegen Partei XYZ-nah, Vertreter der Opfer des Stalinismus, des Bauenverbandes, des Bundes der Vertriebenen oder einer Religionsgemeinschaft. Aber es ist ja nicht notwendig, dass Gremienmitglieder selbst einen Schnittfehler im Programm bemerken. Denn sie urteilen ja nicht selbst über die Qualität von Sendungen oder Sendern. Ihnen kommt zu Ohren, dass.... Und dann entscheiden sie über deren Schicksal und die Karrieren ihrer Macher.

Es muss wohl Ursachen haben, wenn eine "offene Diskussionskultur" zwar oft gefordert, aber selten praktiziert wird. Die würde auch Kritik erfordern- Kritik, die vielleicht sogar so vernichtende Sätze wie "das war jetzt aber nicht so toll" beinhaltet. Im Umfeld der Gremien aber ist schon das Wort "Verbesserungsbedarf" etwas, was im normalen Leben Flächenbombardement, Kernschmelze, GAU oder Vernichtungsfeldzug genannt würde. Dieses Wort kann unter Umständen sogar eine Grundregel öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens, "einmal Etabliertes ist ewig", außer Kraft setzen.

Nur in diesem Zusammenhang kann man wohl die Beweggründe verstehen, warum ein gestandener deutscher Fernsehmann wie "WettenDass"-Regisseur Volker Weicker dieser Tage sogar die Klarnamenpflicht bei twitter forderte- und in diesem Zusammenhang zum großen Rundumschlag gegen Fernsehkritiker im Allgemeinen und Moderatorenkritiker im Besonderen ausholte. Und, weil man gerade einmal so schön in Schwung ist, auch noch prominente Gäste der von ihm verantworteten Show der "Unhöflichkeit" beschuldigte.

Da hatten doch Armin Rohde und Elyas M'Barek während der letzten Sendung von der berühmten "WettenDass"-Couch getwittert:


Sich quasi als gelangweilt geoutet- statt als politisch korrekter Gast jede Sekunde des spannenden Treibens gebannt zu verfolgen, egal was immer auch geschieht. Dazu noch Mittäterschaft an diesen neumodischen und bösartigen "Twitter"-Aktivitäten rund um "WettenDass" - das geht gleich gar nicht.

Denn, wie oben gesagt: Gremien hören. Am besten hören sie immer noch, was man lesen kann. Das ist zum Glück für die Gremienabhängigen nicht twitter, sondern das, was so schön traditionell in  der Zeitung steht. Dummerweise nimmt das, "was diese komischen Typen da so zu unserem Programm zwitschern" mittlerweile manchmal solche Ausmaße an, dass es am Folgetag ganz groß in der BILD-Zeitung steht und selbst seriöseste Feuilletons glauben, gelegentlich Notiz davon nehmen zu müssen.

Wie gesagt, Gremien hören und schweigen. So lange ist alles gut. Ein erstes Alarmzeichen ist, wenn vollstes Vertrauen ausgesprochen oder eingeschlagene Kurse bekräftigt werden. Denn was gesagt werden muss, ist nicht mehr selbstverständlich. Dann kann es, wie beim "vollsten Vertrauen" von Angela Merkel, unter Umständen auch schnell gehen.

Regisseur Volker Weicker ist ein gestandener Fernsehprofi- die Live-Regie zahlreicher nationaler und internationaler TV-Events steht auf seiner eindrucksvollen Referenzliste. Kein Job für jemand, der einfach mal so irgendwas daherquatscht. Hinter seiner Forderung, dass nicht mehr "anonym über jemanden hergezogen" werden dürfe und nur noch unter der wahren Identität getwittert werden sollte, steckt ein Grundsatzproblem deutscher Fernsehmacher. Sie wollen diese Entwicklung nicht. Der Second Screen, der direkte, ungefilterte Kontakt zum Publikum zwingt sie, herunter zu steigen. Herunter von oben, von den bequemen Plätzen in den Glastürmen, wo man sich "nur" mit den Gremien und einer Handvoll auserlesener Zeitungskritiker verstehen musste. Nach ganz unten, auf die traditionelle Bühne des Gauklers, der bei Nichtgefallen vom Pöbel lustvoll mit Tomaten und Eiern beworfen wird.

Klar, dass das den Beteiligten nicht gefällt. Das gnadenlose Publikum dagegen wird seinen Spaß haben- auch beim Verfolgen der nicht immer glücklichen Bemühungen, den einmal freigelassenen Geist irgendwie zurück in Lampe zu bekommen.

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