Watchever statt Netflix? Eine Markt- Überraschung.

Screenshot: LG-TV "Premium Apps"

Hierzulande hat man wohl zuletzt im Januar 2011 von ihm gehört. Jean-Marie Messier, eine Zeit lang auch bei uns als schillernde französische Unternehmerpersönlichkeit sehr bekannt, wurde da von einem Gericht in Paris wegen sagen wir einmal, nicht ganz den Regeln des ehrbaren Kaufmanns entsprechendem Geschäftsgebaren zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Es war maßgeblich Jean-Marie Messier, der in den wilden Zeiten des Dotcom-Booms aus der ehrwürdigen, 1853 gegründeten Pariser Wasserversorgung "Compagnie Générale des Eaux" (CGE) die Firma Vivendi Universal zauberte, woraus später dann die Vivendi SA wurde.

Zwar musste bei den Aufräumarbeiten rund um die Aktivitäten von Herrn Messier manch Tafelsilber verkauft und der eine oder andere neue Mitbesitzer in Haus geholt werden- dennoch blieb bis heute der größte französische Medienkonzern übrig. Und der ist auch international ein ganz Großer. Mit Canal+ betreibt Vivendi den französischen PayTV-Marktführer, auch in Hollywood hat man ein stabiles Standbein bei den Universal Studios. "World of Warcraft" ist von "Vivendi Games" und vieles andere mehr.

Vivendi verfolgt mich seit einiger Zeit. Mit Werbung auf Facebook. Und mit Google Adsense. Denn Vivendi ist seit Anfang des Jahres mit "Watchever" auf dem deutschen Video-on-Demand-Markt aktiv. Ähnlich wie bei Amazons "Lovefilm" oder Maxdome gibt es hier gegen eine bezahlbare Monatsgebühr jede Menge Filme und Serien. Das Vorbild, dem alle gemeinsam nacheifern, ist wohl sicherlich Netflix.

Auf jeden Fall ist mit Watchever keiner von den "Kleinen" auf dem deutschen Markt angekommen. Das man als Kunde plötzlich im Regen steht wie bei "Acetrax" ist wohl nicht zu befürchten. Schon wegen derartiger DRM-Probleme wird sich das "Netflix"- Modell "Streaming gegen Abo-Gebühr", statt Download und abspeichern, wohl durchsetzen.

Auch wenn man derzeit wohl vom Erfolg etwas überfordert ist- während der Hauptbetriebszeiten scheinen die Streamingkapazitäten nicht immer auszureichen - Watchever ist wohl ein mit ausreichend Startkapital ausgestattetes, strategisches Vivendi-Investment, um dauerhaft auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Die großangelegte Werbekampagne wie auch die Tatsache, dass Watchever bereits mit leicht aufzufindenden Apps bei den großen Smart-TV-Anbietern vertreten ist, sprechen dafür.

Foto: WATCHEVER GmbH ©2013-CBS-Studios-Inc.
Zu den umfangreichen Werbeaktivitäten kommen nun nach und nach auch Programm-Highlights. So wurde heute zum Beispiel eine "Streaming- Kooperation" mit CBS Studios International angekündigt- "exclusiv" und "über mehrere Jahre". Ab Januar 2014 wird es Staffel 1 und 2 der Erfolgsserie "Under The Dome" zu sehen geben, Staffel 1 wurde gerade mit großem Erfolg bei ProSieben als TV-Erstausstrahlung gezeigt.

Derzeit laufen bereits Staffel 1 und 2 der Zombie-Serie "The Walking Dead"- quasi als Streaming-Vorprogramm zur derzeitigen Premiere von Staffel 3 und 4 auf dem Pay-TV-Kanal Fox.

Aber es kommt noch besser: Nach dem Netflix-Erfolg mit "House of Cards" wird auch in Deutschland der Ruf nach Eigenproduktionen fürs TV-Streaming lauter- und Watchever will es nun tatsächlich als erster machen. So hat es zumindest Watchever-Geschäftsführer Stefan Schulz im Gespräch mit der FAZ angekündigt - und damit die gesamte Branche überrascht. Genauso wie mit der Zahlenangabe von "derzeit 5000" (!) Neukunden am Tag.

Noch ist das Rennen offen, wer Deutschlands großer Streamingdienst werden wird. Maxdome werkelt ja schon lange. Klar, Apple und Google und Sky sind da und Amazons Lovefilm mittlerweile auch. Viele befürchten den oder hoffen auf Markteintritt von Netflix. Mit Watchever hatte aber bisher keiner wirklich gerechnet. Möglicherweise kann aber gerade ein Anbieter aus dem französischen und damit nicht-englischsprachigen Raum sich in die Bedürfnisse deutscher Kunden hineinversetzen. Das deutsche Publikum ist an exzellent synchronisierte Fassungen der US-Hits gewöhnt. Zwar gibt es auch ein Publikum für Originalfassungen- dies ist aber nach allen Erkenntnissen eine elitäre Minderheit.

Möglicherweise ist es irgendwie kennzeichnend für die grassierende Investitions-Unlust und Risikoscheu am deutschen TV-Markt, wenn ein Nachfolgebetrieb der Pariser Wasserwerke die erste deutsche Serie für das Fernsehen der Zukunft produziert.


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