Was ist eigentlich ein Barker Channel? Lokal TV stirbt leise, meistens (3)

Barker Channel... das klingt doch innovativ, oder? Barker, so hieß einst im Englischen der Marktschreier vom Zirkus, der durch die Stadt lief, um laut bekanntzumachen, der Zirkus sei da, die Vorstellung sei toll, und die Zuschauer sollten doch kommen... Irgendwie passend. Aber zurück zum Lokal-TV.

Entgegen den ursprünglichen schlechten Nachrichten hat es LEIPZIG FERNSEHEN ja doch geschafft. Der 30. September, einst als Abschalt-Termin genannt, ist vorbei, aber das Leipziger und Chemnitzer Lokalfernsehen ist weiter auf Sendung. Ob die gefundene Lösung von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall ist das erst einmal eine gute Nachricht für die Lokalfernsehmacher. Ob sie vielleicht sogar dabei hilft, sich "nicht dauerhaft selbst auszubeuten"- auch das bleibt offen.

Herbst. Zeit für Fernsehmessen...
In Leipzig war dieser Tage wieder Fernsehmesse- Lokalfernsehmesse "in Kooperation mit dem 16. Kabelkongress des FRK". "FRK"- das ist der "Fachverband Rundfunk- und Breitbandkommunikation"- im wesentlichen sind das die ehemaligen Antennenanlagen aus DDR-Zeiten, die jetzt oft mittelständische Kabel-TV-Anbieter sind.

Die Fernsehmesse wäre der Welt verborgen geblieben, eine Berichterstattung der Medien gab es nicht. Wäre da nicht der "Barker Channel". Also Sachsen Fernsehen, zu dem Leipzig Fernsehen gehört, hat jedenfalls jetzt einen und der Rahmen der Fernsehmesse wurde genutzt, um das Projekt vorzustellen.

Einen Barker-Channel im "Feldtest"- auf Initiative des "Projektbüro HbbTV" fördert und betreut die Sächsische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) den "Feldtest", um "die Möglichkeiten für die Erschließung von Satellitenhaushalten über den Verbreitungsweg Internet zu bewerten". Denn etwa die Hälfte der TV-Zuschauer guckt per Satellit- und da gibt es kein Lokalfernsehen. Jedenfalls bisher kein sächsisches.

Die Landesmedienanstalt sucht nach Wegen, den chronisch finanzarmen sächsischen Lokal-TV-Sendern beim Überleben zu helfen. Mit jedem Sender, der nicht mehr kontrolliert werden muss, schwindet auch eine Aufgabe- und der Ruf nach Modernisierung der Landesmedienanstalten ist in der Politik neuerdings immer häufiger zu hören. Da ist es gut, wenn man Aufgaben hat- Modernisierung heißt ja heutzutage in der Regel sparen und Geld wegnehmen.
Beteiligte Unternehmen sind also die SLM selbst sowie u.a. die ORS comm GmbH & Co KG, HMS GmbH und der "Sendernetz e.V.".

Im Barker Channel Feldtest werden derzeit zwei Programmkanäle über Satellit gesendet, die vom DVB-S- Receiver gefunden und als Lokal 1 und Lokal 2 in die Kanalliste einsortiert werden können.
Dahinter verbergen sich die beiden Lokalsender Sachsen Fernsehen und Kabeljournal. Genauer gesagt: Ein Link zu den Sendern im Internet.

Wir erinnern uns: Der "Barker" war nur der, der für den Zirkus geworben hat. Der Unterschied zwischen einem "Barker Channel" und einem normalen Satellitenprogramm besteht darin, dass das eigentliche Programm der Sender nicht über Satellit, sondern per Internet-Stream übertragen wird. Über den Satellitenkanal wird kostensparend, mit wenig Bandbreite, lediglich so etwas wie der Link zu einer Website (URL) übertragen. Von dort wird das Programm dann per Internet gestreamt- der Fernseher braucht für diesen "Feldtest" Internet-Anschluß und HbbTV.

Dann aber, einmal eingestellt, könnte es fast wie normales Fernsehen funktionieren. Die Sender können auf der Fernbedienung programmiert werden. Drückt man drauf, geht das Internet-Streaming los und das Lokalfernsehen läuft.

Das alles klingt erst einmal logisch und sinnvoll. Nur: Die Lokalfernsehmacher können schon die Einspeisegebühren der Kabel-TV-Konzerne kaum noch refinanzieren. Und auch ein Barker-Channel auf dem Satelliten kostet Geld.

Während der Barker-Channel wohl noch ein wenig Zeit braucht, um auch technisch so zu funktionieren wie gewünscht ("Feldtest" klingt nicht nach Serienreife) scheint das Projekt auch sonst recht fragwürdig. Denn: SmartTV und HbbTV, die Grundlagen des Projekts, sind nach Meinung vieler Experten technisch schon wieder von gestern. Die Entwicklung im Bereich der TV-Geräte geht beim Bedienen hin zum "Second Screen" statt zum roten HbbTV-Button. Die TV-Gerätehersteller selbst setzen statt der weitgehend unbedienbaren SmartTV-Oberflächen zunehmend auf Apps.

Fragt sich beim Entwickeln solcher Projekte eigentlich irgendjemand, was der von allen so sehnlich herbeigewünschte Zuschauer eigentlich will? Denn das wäre ja der erste Schritt hin zu einem Erfolg. Ja, höre ich sie schon rufen, er will Lokalfernsehen schauen. Nö. Will er nicht.

Der Zuschauer würde gern die wichtigsten Nachrichten aus seiner Stadt in bewegten Bildern sehen. Das ist etwas ganz anderes. Denn im Lokalfernsehen müsste er dafür ein ganzes, auf Grund der begrenzten Mittel sehr unattraktiv gestaltetes Programm aus Werbetrallala und Unwichtigem anschauen. Um dann irgendwann da drin zwei Minuten zu finden, die ihn interessieren. Oder auch nicht. Dafür hat er nicht die Zeit. Er will nur seine fünf bis 10 Minuten Lokalnachrichten. Abrufbar dann, wenn er Zeit und Lust darauf hat- nicht dann, wenn ein Programmveranstalter meint, es sei an der Zeit, sie zu senden.

Es gibt einen Bedarf für lokale Fernsehnachrichten. Aber keinen Bedarf für lokale Fernsehprogramme. Es sei denn, das Programm ist für eine Metropole, die mit ihren Ereignissen ein Programm füllen kann. Das ist in Mitteldeutschland eher selten.




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