"Second Screen": Das Wohnzimmer- Mysterium


Früher hieß es mal: Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gründ ich einen Arbeitskreis. Heute heißt es wohl: Was immer in der Welt zerbricht, die Studie zeigt, ich war es nicht.

Jedenfalls gibt es heute viel mehr Studien als früher. Viel, viel mehr. Und das aus gutem Grund- obwohl Studien meist auch recht teuer sind. Wenn man aber als Verantwortlicher irgendein Projekt mal so richtig in den Sand gesetzt hat, ist es von großem Vorteil, eine Studie zur Hand zu haben. Eine Studie ausgewiesener Experten, die mit unanfechtbaren Umfragen/Statistiken/Berechnungen zweifelsfrei belegt, dass man genau so vorgehen musste, wie man es getan hat. So etwas kann einem den Hals retten.

Auch im täglichen Geschäftsleben, insbesondere dann, wenn man etwas teuer verkaufen will, ist die Studie im Verkaufsgespräch von großem Vorteil und eine wertvolle Bereicherung vieler Powerpoint-Präsentationen. Schließlich belegen die Umfragen/Statistiken/Berechnungen der ausgewiesenen Experten ja völlig zweifelsfrei, dass Produkt A seinen Preis (und noch mehr!) wert ist und Projekt B zweifellos in eine goldene Zukunft führt und nicht ins Verderben. Und wenn doch- siehe oben. Davon lebt mittlerweile eine ganze Industrie.

Böse Menschen behaupten, man könne sogar zu jedem gewünschten Ergebnis die passende Studie bestellen. Das ist natürlich unmöglich.

Daran musste ich dieser Tage denken, als innerhalb kurzer Zeit zwei Studien in Umlauf gebracht wurden, die sich beide mit dem Thema beschäftigen, ob wir alle noch wie früher fernsehen. Oder ob wir vielleicht fremdgehen. Ins Internet. Sie wissen schon: "Second Screen" ist das Buzz-Word dafür.

Seitdem bin ich verwirrt. Offenkundig gibt es in Deutschland Parallelwelten. Laut Wikipedia wird die Hypothese, verschiedene Welten könnten parallel nebeneinander existieren, schon seit der Antike diskutiert. Jetzt aber gibt es den Beweis in Form von Studien. Es gibt mindestens zwei völlig verschiedene deutsche Wohnzimmer-Universen.

Zumindest was die Nutzung des "Second Screen" betrifft, also zu deutsch beim Fernsehen eigentlich auf dem Laptop oder Tablet beschäftigt zu sein.

Da meldet TNS Infratest, 28% würden dies zumindest gelegentlich tun. Seit 2010 sei die Zahl auch nicht gestiegen. Gefragt nach der Dauer der parallelen TV- und Internetnutzung, hätten die Befragten angegeben, lediglich 12 Minuten der TV-Nutzungszeit gleichzeitig im Internet gewesen zu sein. Da hätten sie dann gemailt, gechattet, sich in sozialen Netzwerken über die gerade laufende TV-Sendung ausgetauscht und 26% (!!) schätzen es, sich über die Produkte, die in der TV-Werbung gezeigt werden, gleich online informieren zu können.

Ahh-ja.

Fittkau & Maaß haben dagegen 56% der Fernsehzuschauer (komischerweise genau doppelt so viele) im Wohnzimmer beim Parallel-Surfen erwischt. Die waren dann dummerweise auch noch stundenlang online, ohne noch recht zu merken, dass der Fernseher auch noch läuft. Geschweige denn überhaupt zu registrieren, welche Produkte denn gerade in der Werbung gezeigt werden, so dass sie sich in den Social Networks zwangsweise über ganz andere Dinge austauschen mussten.

Das einzig interessanteste an Studien ist für mich mittlerweile, wie leicht sich durch den Abgleich der Ergebnisse mit dem gesunden Menschenverstand und/oder eigenem Beobachten der realen Welt herausfinden lässt, wer die Studie wohl in Auftrag gegeben und bezahlt hat.

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