Programmplanung öffentlich-rechtlich: Perlen, vor Nachtwandler geworfen

Geht es ihnen auch manchmal so? Eigentlich ist man für diesen Abend genug genervt von den gebotenen Unsäglichkeiten der genutzten 20 bis 30 Nicht-on-demand-Fernsehprogramme. Zeit fürs Bett. "Second Screen" am Laptop durchs Netz gesurft, auch nicht wirklich spannend. Hin und hergezappt zwischen bedauernswerten deutschen Schauspielern, die mit sichtlicher Verzweiflung unterirdische Drehbücher aus Groschenroman-Welten wahlweise auf Palmeninseln, in Forsthäusern oder fiktiven Adelssitzen abarbeiten und "Scripted Reality"-Darstellern auf dem Weg zum "Geht noch doofer"-Pokal.
Dazwischen manchmal etwas Sport und Gesprächsrunden, in denen immergleiche Gesichter die Sendezeit totquatschen. Und dann, spät am Abend, müde, bleibt man beim Zappen hängen....

WTF? Noch nicht gesehen? Großartige Schauspieler, tolles Drehbuch, aufwändig von wirklichen Profis in Szene gesetzt, tolle Kameraarbeit, Beleuchtung und kein schludriger Schnitt? Ein Film mit einer wirklichen Story, welche ein, zwei Minuten braucht um einen hineinzusaugen und zum "dranbleiben" zu zwingen??



Gestern Abend war es bei mir wieder einmal so. Passiert immer öfter in letzter Zeit, und tendenziell immer später. Gegen 0 Uhr Mitternacht startete bei der ARD die Free-TV-Premiere (!) von "Margin Call - der große Crash".

Der Film läuft zwar unter dem Label "Independence", ist aber großes Hollywood. Produziert von Zachary Quintos Produktionsfirma "Before The Door Pictures". Wer den Namen noch nicht kennt: Quintos, der in "Margin Call" den Peter Sullivan spielt, ist der Nachfolger von Leonard Nimoy als nun wieder jugendlicher "Mister Spock" auf der "Enterprise". Dazu Oscar-Gewinner Kevin Spacey, zur Zeit mit der Netflix-Serie "House of Cards" eine Art globale Benchmark für Qualität im Internetfernsehen. Der geniale Golden Globe-Gewinner Stanley Tucci (kennen Sie nicht? Doch: die Glatze aus "Der Teufel trägt Prada"). Demi Moore, die hier zeigt, dass sie weit mehr kann, als der Yellow Press kuriose Schlagzeilen zu liefern. Allein mit dem Blick ihrer Augen zeigt sie die völlig unterschiedlichen Seiten der taffen Karriere-Bankerin Sarah Robertson, wenn diese als Sündenbock für Milliardenverluste ihrer Bank gekündigt wird.

Womit wir beim Thema des Filmes sind: Anders als in Michael Douglas "Wallstreet" wird hier wirklich ein realistischer Blick hinter die Kulissen der Banken und der Weltfinanzkrise geliefert. Wer es gesehen hat, hat neue Einblicke, was hinter den Kulissen passiert wenn einer New Yorker Großbank der Untergang droht. Und er wird dazu auch noch gut anderthalb Stunden lang großartig unterhalten.

Da war es dann nach halb zwei in der Nacht.

Ist es wirklich zu viel verlangt von einem öffentlich-rechtlichen Sender, dass solch ein toller Film zu einem hochaktuellen Thema (die Bankenkrise, die uns alle betrifft, feiert gerade fünfjähriges Jubiläum) zu normalen Sendezeiten gezeigt wird? Auch dann, wenn es am Samstagabend ein paar Zuschauer weniger gewesen wären als "Frag doch mal die Maus- die große Familienshow" vor dem Bildschirm versammeln kann?

Wieso werden von meinen Gebührengeldern überhaupt solch wertvolle Filmlizenzen eingekauft um sie dann im Sendezeit-Nirwana vorm Zuschauer zu verstecken? Als Gebühren-Alibi, dass man auch in Qualität investiert? Wer soll die Qualität zum Zuschauer bringen wenn nicht die öffentlich-rechtlichen? ARD und ZDF haben das Privileg, frei von Profitdenken Fernsehen machen zu dürfen. Höchste Zeit, zu überdenken, wofür.

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