IFA (2): Telekom startet gebremsten Glasfaser-Angriff auf Deutschland

René Obermann und Niek Jan van Damme bei der Vorstellung der Telekom-"Netzoffensive" Foto: Telekom
Die "Netzoffensive" kommt. Je nachdem was man unter "Offensive" versteht. Die IFA steht vor der Tür und die Telekom lud zum "Medienevent". Schon im Vorfeld sollte wohl die zu erwartende Frage beantwort werden, was der deutsche Markt denn mit den ganzen dollen Sachen anfangen soll, die auf der Funkausstellung zu sehen sind.

Denn viele der neuen Super-Geräte, allen voran moderne Smart-TV mit hoher Bildauflösung und Internetanschluss, haben einen gewaltigen Datenhunger. Sie wollen Bits aus dem Netz, viele Bits, sehr, sehr viele und sie wollen sie stabil,schnell und sofort. Der deutsche Otto Normalkonsument denkt an seinen "bis zu" einstellig-Mega Internetanschluss zu Hause, der schon bei etwas zu groß geratenen Spiegelonline-Werbebannern eine Auszeit einlegt, zweifelt- und kauft eventuell nicht.

Wenn man auf "Offensive" schaltet ist man zuvor oft in der Defensive gewesen. Und ja, so beschreibt man den bisherigen Ausbau der wichtigsten Infrastruktur für ein modernes Industrieland hierzulande am besten: vorwiegend defensiv. Sehr defensiv. Kostet ja Geld. Die Flatrate abschaffen und nach Datenverbrauch abrechnen, am besten nach guter deutscher Apothekerart, das kostet fast nix- bringt aber zuverlässig Geld. Und den Spitznamen "Drosselkom".

Am Markt sind es derzeit die TV-Kabelanbieter, wie Kabel Deutschland, welche ihre größtenteils vorhandenen Infrastrukturen für Telefon und Internet aufrüsten und mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s beim Kunden punkten. Und da ist auch noch der britische Mobilfunkanbieter Vodafone, der gerade sein US-Geschäft für 130.000.000.000 US-Dollar verkauft hat- garniert mit der Drohung, mit dem dann geradezu unbegrenzt gefüllten Geldspeicher "vorrangig die Expansion in Europa vorantreiben" zu wollen. Und der dabei auch das Festnetz fest im Blick hat.

Die Telekom ist also tatsächlich in der Defensive. Der steile Pass nach vorn, der nun trotzdem zum Torerfolg führen soll, hat einen Namen: Vectoring. Vectoring ist etwas sehr technisches, aber es reicht, folgendes zu wissen: Das Telekom-VDSL kann damit von 50 auf 100 Mbit/s beschleunigt werden. Und man muss weiterhin die Glasfaser nur bis zu den berühmten "grauen Kästen" bringen und nicht den eigentlichen Goldstandard der Übertragungstechnik einsetzen: Fibre To The Home (FTTH), also eine durchgehende Glasfaser vom Datenzentrum bis in die Wohnung. Ein Goldstandard, welcher übrigens in manchen Ländern schon Alltag, zumindest in Ballungszentren ist und die Übertragungsraten in den Gigabit-Bereich hebt.

Vectoring funktioniert technisch übrigens nur, wenn die Kabel komplett in der Hand eines Anbieters sind. Der angenehme Nebeneffekt: Es liefert damit gute technische Gründe, lästige Konkurrenz von Weiterverkäufern auszusperren und musste daher erst von der Bundesnetzagentur freigegeben werden. Das ist mit geringen Auflagen vor einigen Tagen geschehen. Der Weg für die "Netzoffensive" ist pünktlich zur Funkausstellung frei.

Das Investitionsbudget der Telekom für Deutschland soll für die Jahre 2010 bis 2015 nun auf insgesamt stolze 23 Milliarden Euro wachsen. "Wir bauen bereits heute für Deutschland das Netz der Zukunft! Wir investieren in Deutschland- für Deutschland! Und das nicht nur in den Ballungsräumen.", so Vorstandsvorsitzender René Obermann. Und präsentiert eindrucksvolle Zahlen:
- 2014 will die Telekom an insgesamt 52.000 Baustellen in Deutschland am Netzausbau werkeln
- Vectoring soll 100 Mbit/s "großflächig" möglich machen
- 24 Millionen Haushalte sollen bis 2016 zumindest per Vectoring Anschluss ans Glasfaser-Netz finden
- bis 2014 kommen noch 10.000 Kilometer Glasfaserkabel beim Netzausbau dazu und Deutschland kann sich über 17.600 weitere "graue Kästen" am Straßenrand freuen.

Ob das reicht? Zumindest klingt es nach Fortschritt. Und das unvermeidliche "aber": Die TV-Hersteller setzen beim Kampf um die Kunden auf UHDTV. Ultra High Definition Television- das ganz scharfe Fernsehen. Beim Internet-Streaming würde UHDTV die benötigte Datenrate erstmals in den Gigabit-Bereich treiben.

"Nur Mut!" möchte man der Telekom zurufen. Schließlich ist sie ja mit "Entertain" auch Versorger für den Fernsehempfang und wird da nun recht bald wieder nach Wegen suchen müssen, auf denen auch noch fettere Bilder durch die engen Leitungen gepresst werden können. Noch eine Telekom-Meldung dieser Tage die weit weniger Aufsehen erregte: T-Online will ein ernst zu nehmendes Internet-Nachrichtenportal aufbauen. Dazu "Entertain" im Konzern. Die Telekom-Cloud. Die Glasfaser-Infrastruktur. Denkt man sich all das zusammen und ein, zwei Funkausstellungen weiter, sind die Aussichten für den rosa Riesen gar nicht so schlecht.

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