RTL : Keine Länderpunkte mehr. Nirgends.

Als wir einst begannen, uns für Musik zu interessieren, liefen wir bei gutem Wetter am Samstagnachmittag rund ums Haus, um zusammen mit Freunden mit einem "Transistor-Kofferradio" die "4 fröhlichen Wellen" von Radio Luxemburg zu empfangen. Per Kurzwelle. Das war die einzige Welle, die manchmal durchkam. Es war die Zeit der DDR und Luxemburg war fast so weit weg wie der Mars. Meistens hörte man nur Rauschen und nervtötendes Pfeifen- aber manchmal auch eine richtige Hitparade. Also nicht vorrangig mit Heino, sondern mit moderner "Beatmusik". Das gab es auch im "Westradio", dass aus Gründen des "kulturellen Anspruchs" Popmusik damals noch weitgehend ignorierte, so nicht allzu oft.
                                                                                                                                                                 
Im besseren Empfangsgebiet, den bundesepublikanischen Gebieten in Luxemburg-Nähe, wurde das Radio Kult. Thomas Gottschalk hieß einer der Moderatoren.

Als es möglich wurde, begann man auch mit dem Fernsehen.
1988 zog RTL plus von Luxemburg nach Köln und nahm mit einer nordrhein-westfälischen Lizenz den TV-Sendebetrieb vom neuen Standort auf.

Kaum zu glauben aus heutiger Sicht: Die Einschaltquoten, die mit weitgehend sinnfreien Shows wie "Alles nichts oder?!" (gegenseitiges Bewerfen mit Torten) oder der Busenstrip-Show "Tutti Frutti" (die den "Länderpunkt" in die deutsche Sprache einführte) daraufhin innerhalb der nächsten Jahre erreicht wurden.

In der sonstigen damaligen deutschen Fernsehwelt, in der Robert Lembke seit über 30 Jahren Sparschweine verteilte, und auch sonst Geist und Weltbild der 50er Jahre die meisten Sendungen durchwehte, zog der anarchische Charme der frühen RTL-Jahre die Zuschauer auf der Suche nach Frischluft an wie ein Magnet. 1993 erreichte der Sender einen TV-Marktanteil von 18,9%- wohlgemerkt im Jahresdurchschnitt.

Seitdem geht es langsam, aber kontinuierlich bergab. Als die Marktführerschaft dahinwelkte, erfand RTL-Chef Helmut Thoma nebenbei die "werberelevante Zielgruppe" - bei Zuschauern von 14 bis 49 Jahren lag RTL weiterhin nahezu uneinholbar vorn.

Nun ist ein Marktanteil von fast 19% auf dem heutigen Fernsehmarkt unrealistisch. Auch nach 1993 hat RTL mit zahlreichen Innovationen immer wieder seine Position als führende deutsche Privat-TV-Station und erste Anlaufstelle für den üppigen Batzen deutscher TV-Werbegelder verteidigt. Von Scripted Reality über Heerscharen an Leichen säbelnder US-Gerichtsmediziner bis zur Suche nach Superstars- dem Publikum gefiel es in großer Zahl.

Aber irgendetwas stimmt nicht mehr. Auf meiner Fernbedienung wandert der Sender von Jahr zu Jahr weiter nach hinten- dabei gehöre ich nicht zu den üblichen "Programmjammerern" welche meinen, gutes Fernsehen könne nur werbefreies Staatsfernsehen sein und Privatfernsehen sei ohnehin nur eine schlimmer, unnützer Auswuchs der kapitalistischen Markt-Hölle.

Was ist es? Ganz einfach: Auf der Suche nach Frischluft im TV-Programm wird der Zuschauer heute im RTL-Programm nicht mehr fündig. Die gibt es mittlerweile eher bei den wuchernden öffentlich-rechtlichen Digitalablegern wie ZDF neo oder kultur. Oder bei den kleinen, wie Tele 5, die am Werbemarkt nichts zu verlieren haben.

Nach dem Abschied von Helmut Thoma haben wohl die Controller die Macht bei RTL übernommen- man sucht die Zukunft des Senders in Excel- Tabellen statt überraschenden Programm-Ideen. Derweil wartet der Fernsehmarkt mit größerer Spannung auf die Beantwortung der Frage, ob der 74-jährige Rentner Thoma mit seinem "Volks.TV"-Projekt doch noch an den Start geht als auf die RTL-Programmvorschau fürs nächste Jahr.

Die war übrigens kürzlich. Neben dem üblichen Mehr vom Immergleichen wurden neue Shows mit Thomas Gottschalk als kommende Höhepunkte angekündigt. Wahrscheinlich hat Joachim Fuchsberger abgesagt.

Mittlerweile ist der Sender weiter auf dem Weg zu neuen Quoten-Tiefständen. Aber das macht nichts. Die Gewinne steigen, Hauptanteilseigner Bertelsmann kann sich über Sonderdividenden freuen. Aus Sicht der regierenden Controller ist die Welt in Ordnung. Die Kapelle spielt im Salon, dass das Wasser Schott um Schott übersteigt merken nur die von der Gewinnquelle Sparen betroffenen, unten, im Maschinenraum...

Ausgebaut werden soll vor allem der Bereich Online-Video. So hat man gerade "Broadband TV" übernommen, eines der großen Multichannel-Netzwerke auf Youtube. Das ist zweifellos richtig. Nur was will man dort zeigen? Im Rahmen des Edinburgh International Television Festivals hat Kevin Spacey gerade einen vielbeachteten Vortrag zur Zukunft des Fernsehens gehalten. "Wir leben nicht mehr in einer linearen Fernsehwelt" hat er dort gesagt. Und: "Es geht am Ende nur um eins: Geschichten."

RTL braucht wieder Manager wie Helmuth Thoma, die mit Herzblut Fernsehen machen und sich mehr für eine gute Geschichte interessieren als für eine gute Powerpoint-Präsentation. Bis dahin ist der Sender auf dem Weg in die Irrelevanz.

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