Das Leben des Jeff: Messias für Zeitungen dringend gesucht

Screenshot: amazon.de
Das waren noch Zeiten...
Robert Redford und Dustin Hoffman waren junge Männer. Es gab Schreibmaschinen, Telefone mit Wählscheiben und Abhören galt als Skandal.

"All the Presidents Men" hieß der Film, auf deutsch dann "Die Unbestechlichen"- unbestechliche Journalisten, die klug und mutig recherchierten und herausfanden, dass Mitarbeiter des Weißen Hauses das Wahlkampfbüro der  Demokratischen Partei abhören wollten. Watergate-Affäre hieß das damals und Präsident Nixon musste deshalb gehen. Ja, der US-Präsident. Nein, nur Abhörung eines Bürokomplexes, nicht abhören sämtlicher Parteimitglieder rund um die Uhr und Mitlesen ihres gesamten schriftlichen Briefverkehrs.

Im realen Leben hießen die Herren Carl Bernstein und Bob Woodward und arbeiteten und recherchierten für die "Washington Post". Dafür gab es den Pulitzer-Preis und Hollywood machte sie dann zu den Helden einer ganzen Journalisten-Generation.

Heute werden sie für 9 Euro und 6 Cent auf  DVD verkauft, nur noch 16 sind am Lager aber Nachschub ist unterwegs. Bei Amazon- dessen charismatischer Gründer und Präsident Jeff Bezos wohl der Grund dafür ist, dass die Nachfrage zum Film anscheinend gerade steigt. Womit wir jetzt beim Thema wären..

Jeff Bezos hat diese Woche die "Washington Post" gekauft. Für 250 Millionen Dollar. Das ist für ihn eine Summe, die er vielleicht auch für ein Stück ausgeben würde, welches allein zu Verschönerungszwecken in seiner Wohnung abgestellt wird.
Aber sein bisheriger Lebenslauf lässt bei einer solchen Geldausgabe vermuten, dass er einen Plan hat. Vielleicht einen ein wenig verrückten Plan- auf jeden Fall aber einen guten und Erfolg versprechenden.
Und er hat ihn noch nicht verraten.

Das alles muss man wissen- und dazu die Tatsache, dass in der Vorwoche der Axel Springer Verlag die meisten seiner Zeitungen und Zeitschriften an die Essener Funke-Gruppe verkauft hat. Erst dann kann man verstehen, warum dieser Vorgang in Deutschland fast mehr Beachtung fand als in den USA. In Monthy Pythons "Das Leben des Brian" wird Brian durch Missverständnisse unfreiwillig zum allseits verehrten Messias- so ähnlich müsste sich Bezos wohl fühlen, wenn er manch hier geschriebenes zu seinem Washington Post-Geschäft gelesen hätte.

Denn die gebeutelte deutsche Tageszeitungs-Branche ist verzweifelt auf der Suche nach einem Messias. Einem Messias, der ihnen den Weg weist, wie ihr "Qualitätsjournalismus" im digitalen Zeitalter auch in Zukunft zweistellige Renditen für Verleger und sechsstellige Jahresgehälter für "Qualitätsjournalisten" gleichzeitig erwirtschaftet. Es funktioniert nicht mehr. Und klar, der weltgrößte Verkäufer von Büchern im Internet- der muss doch die Lösung haben, die Massen von Konsumenten in die Digital-Abos drängt.

Etwas ruhiger wurde es, als bekannt wurde, wie der "Washington Post"-Chef Donald Graham den Verkauf begründete: Das Zeitungsgeschäft werfe Fragen auf "für die wir keine Lösungen kennen". Und Jeff Bezos? "In 20 Jahren sind gedruckte Zeitungen nicht mehr normal" sagte er der "Berliner Zeitung" erst im November.

Was könnte der Amazon-Chef also vorhaben? Ganz einfach: Er kauft sich die Marke "Washington Post"- seit Watergate weltberühmt als Qualitätssiegel für unbestechliche Nachrichten. Denn Nachrichten wird es auch in Zukunft geben. Das Missverständnis ist nur, dass viele davon ausgehen, die digitale Form der Nachrichtenverbreitung sei auch weiterhin eine "Zeitung". Wieso? Wahrscheinlich weil es immer so war und ein Messias kommen wird der den Weg weist.

Digitale Nachrichten werden aber auf einem Display ausgeliefert. Das kann zwar unterschiedliche Größen haben- es bleibt trotzdem ein Display. Auf Displays schauen die Leute am liebsten Filme. Okay, viele lesen dort auch. Aber dann ist es meist Arbeit. Nachrichten jedoch, das ist für Journalisten wahrscheinlich besonders schwer zu verstehen, sind für den Konsumenten in der Regel Teil der Freizeitgestaltung. Lesen ist anstrengend. Die nächste durch die Digitalisierung heraufbeschworene Krise wird die Krise der Kulturtechnik "Lesen" sein. Egal ob Smartphone, Ipad oder 47 Zoll TV- die bevorzugte Form, in der Nachrichten dort konsumiert werden, ist in Zukunft das bewegte Bild.

Genau diese Erkenntnis ist es wohl auch, die den Axel Springer Verlag dazu bewegt, erstmals bewegte Bilder zum Hauptinhalt des Online-Auftritts der BILD-Zeitung zu machen und die meisten anderen Blätter des Verlags einfach wie überflüssigen Ballast wegzuverkaufen. Weshalb Mathias Döpfner als bisher aussichtsreichster Kandidat für die Rolle des deutschen Zeitungs-Messias dafür nun wohl nicht mehr recht geeignet erscheint.

Die Washington Post hat übrigens eines der ganz großen Videoangebote unter "posttv" . Mit TV-Studio in der Redaktion, Live-Sendungen und Sportberichten, von Profis gemacht, und ohne billige Amateur-Wackelvideos. Eigentlich ist das schon ein komplettes On-Demand-Nachrichtenfernsehen. Amazons Kindle ist jetzt auch Bewegtbild-fähig. Das Verkaufen und Verleihen von digitalen Filmen ist ein Geschäftszweig in den Amazon stark hineindrängelt.

Ja, Jeff Bezos hat wohl einen Plan. Ich glaube aber nicht, dass er an digitale Zeitungsabonnements zum Lesen als Kern-Geschäftsidee glaubt.




Kommentare