volks.tv - Lokal TV stirbt leise - meistens (2)

Wie immer soll es in einer besseren Zukunft ja doch noch durchstarten. Aber so wirklich daran glauben mag niemand mehr. Helmut Thoma -ja, wirklich, der Helmut Thoma, der einst mit heißen Preisen, Tutti Frutti und Länderpunkten das Privatfernsehen nach Deutschland brachte- , also der Helmut Thoma hat für sein aktuelles Projekt nur noch eine Internetpräsenz. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Mit dem Österreicher wollte erstmals ein Großer, ein ausgewiesener Experte das deutsche Lokalfernsehen ins Rollen bringen. Einer der nachgewiesen hat, dass er jedes Fernsehprogramm, egal welcher Qualität, an Zuschauer und Werbekunden verkaufen kann.

Screenshot: volks.tv
Der Österreicher, der eigentlich niemandem mehr etwas beweisen muss und der sicher auch keinen großen Ehrgeiz mehr hat, per täglichem Studium von Excel-Tabellen einen Betrieb der Kreativwirtschaft betriebswirtschaftlich auf die Reihe zu bekommen, hat(te) sich ausgerechnet die Fernsehsparte ausgesucht, die in Deutschland, warum auch immer, anscheinend gar nicht funktioniert. 

Und es gab sogar schon einen festen ASTRA-Satellitenkanal für "Volks TV"- der aber wurde nun nach 15 Monaten in Betrieb (!) stillschweigend abgeschaltet. Das Versprechen "Dein Fernseher wird nie wieder derselbe sein" blieb uneingelöst.

Natürlich, wie immer in der Branche, bedeutet das rein gar nichts. Schließlich ist es ja auch keine schlechte Idee, nach dem Vorbild US-amerikanischer Lokal-TV-Networks ein Mantelprogramm zu etablieren, welches den Werbekunden endlich zufriedenstellende Reichweiten bietet, und die großen Lokal-TV-Stationen in den großen Städten so an die TV-Werbemillionen ankoppelt.

Aber die Verhandlungen zogen sich hin. Starttermine wurden genannt und verschoben. Und die Verhandlungen zogen sich hin. Und zogen sich hin. Helmut Thoma ist darüber im Mai 74 geworden. Die Verhandlungen gehen weiter. Mit tv.berlin ist ein wichtiger Sender im Boot letzten Herbst in Insolvenz gegangen- angeblich, weil das "Volks TV"-Projekt, das die Rettung bringen sollte, nicht in die Gänge kam.
Außer tv.berlin wollten, so wird berichtet, noch NRW-TV, Rhein-Main-TV und Hamburg1 ins gemeinsame "Volks TV"-Boot.

Mittlerweile sendet tv.berlin mit neuen Gesellschaftern wieder- man will sich besonders auch um türkisch- und russischsprachige Zielgruppen kümmern. Zu den Gesellschaftern aber, die "zum Großteil" im Herbst "prinzipiell bereit" gewesen waren "alternative Szenarien" zur Insolvenz zu unterstützen, sich aber dann nicht einigen konnten- zu diesen Gesellschaftern zählte damals mit immerhin 27% der Medienkonzern Axel Springer. Ja, der Springer, der dieser Tage allerhand große Zeitungen und Zeitschriften an die Funke/WAZ Gruppe verkauft hat, um sich mit ganzer Kraft der "digitalen Zukunft" zu widmen und der damit bundesweit große Wellen schlug.
Der Springer, der sicher keine großen Wellen befürchten muss, weil er dieser Tage auch weitgehend unbemerkt aus seiner zweiten Beteiligung am Lokalfernsehen, Hamburg1, ausgestiegen ist.

Anscheinend ist Lokalfernsehen nach Meinung von Springer kein Bestandteil der "digitalen Zukunft" mehr. Und Springer ist ja nicht der einzige von Bedeutung, der den Ausgang sucht.

Und auch hier, so denke ich, wird Mathias Döpfner am Ende richtig liegen. Zwar glauben immer noch viele, dass mit der schwindenden Bedeutung der Lokalzeitungen für die regionale Berichterstattung der Weg für eine glanzvolle Zukunft des Lokalfernsehens frei wird- so etwa nach dem Motto, "irgendeiner muss ja der Berichterstatter sein." Übersehen wird da jedoch die Tatsache, dass das Geschäftskonzept "Sender" durch das Internet genauso -oder sogar noch schneller- überflüssig wird wie das Konzept "gedruckte Zeitung".


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