LEIPZIG FERNSEHEN: Lokal TV stirbt leise- meistens

Wer kennt noch plus.tv? Ja, das war mal ein Fernsehsender. Lokal. In Thüringen. Wurde gegründet. In Erfurt, Weimar, Nordthüringen. Ja, sendete sogar vom großen Sendemast auf dem Kyffhäuser und mietete eine große Büro-Etage in guter Lage von Erfurt, nahe am Bahnhof als Senderzentrale. Hat gesendet. Hat fast keiner gemerkt. Ging pleite. Hat auch fast keiner gemerkt...
Eine von vielen Lokal-TV-Geschichten über Hoffnungen, Träume, geplatzte Illusionen und verbranntes Geld.

Wussten Sie, dass es im Jahr 2007 in Deutschland 186 Lokal-TV-Anbieter gab, darunter 133 in Ostdeutschland? Nein? Keine Sorge- die Wissenslücke ist normal. Nur wenige wissen es und damit ist das erste von vielen Problemen dieser Sender genannt.

Die Massierung dieser Stationen im Osten hat historische Gründe. Eine lange Geschichte...
Es fing oft damit an, dass man in vielen Gebieten in der ehemaligen DDR "Tal der Ahnungslosen" war- dass heißt, der Empfang von Westfernsehen war nicht möglich. Damals, man mag es kaum glauben, waren Sendemasten der einzige Weg. Satelliten waren eher militärisch im Gebrauch oder flogen aus propagandistischen Gründen Hunde durch den Orbit. Obwohl sich ARD und ZDF mit Gebührengeldern alle Mühe gaben (der Blogbetreiber wohnte damals in der DDR grenznah und kann berichten dass der erste Fernseher im Haus aufgestellt wurde und Heinz Schenk und sein legendären "Blauen Bock" konnte ohne (!) Antennenanschluss empfangen werden) wurde es spätestens 100km hinter der Grenze schwierig.

Insbesondere dann, wenn noch Berge oder zumindest Hügel ins Spiel kamen wie in Thüringen oder Sachsen. Zum täglichen Straßenbild in der damaligen DDR gehörte das offene Fenster aus dem jemand "besser!!!" oder "schlechter!!!" brüllte - zu einem, welcher auf dem Dach versuchte, die abenteuerlichsten Konstruktionen aus systembedingt seltenen Metallen in eine Position zu bringen, in der sie eine für den Fernseher ausreichende Menge der begehrten Ultrakurzwellen von jenseits der Grenze einfangen konnten.

In Ausnahmefällen konnte das SED-Regime auch pragmatisch sein. Wohl um mehr Stahl, Zink und Kupfer vor dem Verschwinden aus den volkseigenen Betrieben zu bewahren wurde die Arbeit von sogenannten "Antennengemeinschaften" toleriert, welche Antennen auf Bergen aufstellten um das Signal per Kabel an viele Haushalte zu verteilen. Dann kam die Wende.

In manchen dieser Antennengemeinschaften kam man nun auf eine folgenschwere Idee: Diese Infrastruktur ist in der Lage ein Lokalfernsehen zu verbreiten. Und man begann. Noch ehe die bundesrepublikanische Struktur der Landesmedienanstalten sich weit genug im Osten etabliert hatte um das wilde Gesende durch deutsche ordnungsgemäße Kontroll-Infrastrukturen unterbinden zu können.
Irgendwann wurde bei Medienanstalten wie mittelständischen Investoren der Gedanke populär das das gar nicht so schlecht sei. Man hatte von Amerika gehört wo Lokalfernsehen eine richtig große Industrie sei- voll von Werbegeldern und mit vielen Arbeitsplätzen. Das ostdeutsche Lokalfernsehen war geboren und wurde von Seiten der Medienaufsicht sogar ein bisschen gefördert.
Viele dieser Sender beschränkten sich weise auf das Senden des Wetterberichtes sowie von Werbetafeln- einfache Grafiken die 15 oder 20 Sekunden in Dauerschleife gezeigt wurden. Andere dagegen begannen mit der Produktion lokaler Fernsehnachrichten in bewegten Bildern. Entwickelten einen journalistischen Anspruch. Das Verhängnis nahm seinen Lauf....

Diese Vorgeschichte muss man kennen um die Brisanz eines Facebook-Posts vom 29. Mai zu verstehen:
LEIPZIG FERNSEHEN schrieb:

Screenshot: Facebook-Auftritt von LEIPZIG FERNSEHEN

"Liebe Facebook-Fans,
ja, die Gerüchte stimmen, wir planen das Ende von LEIPZIG FERNSEHEN. 

Wir sind auch nur ein kleines Lokalfernsehen, wir sind bestimmt nicht immer perfekt. Wir bekommen aber auch keine Rundfunkgebühren und finanzieren uns ausschließlich über lokale Werbung. Dafür sagen wir schon mal bei unseren Werbekunden DANKE! 

Allerdings reicht das Geld aus der lokalen Werbung nicht aus, um ein anspruchsvolles Programm dauerhaft zu finanzieren. Daher gibt es immer wieder Momente, in denen wir selbst nicht 100%ig mit unserem Programm glücklich sind, dafür Sorry!

Trotzdem ist LEIPZIG FERNSEHEN der Sender in den neuen Bundesländern mit der größten Reichweite, darauf sind wir stolz und sagen bei unseren Zuschauern DANKE!

Im deutschsprachigen TV Markt (inklusive Österreich und der Schweiz) funktionieren Lokalsender nur mit staatlicher Förderung, wie in Bayern. Diese Unterstützung ist im Bundesland Sachsen gesetzlich nicht vorgesehen. Es besteht auch keine Aussicht auf eine Medienförderung, wie in Österreich und der Schweiz.

Weil unsere Gesellschafter nicht dauerhaft Geld zuschießen wollen und wir uns auch nicht dauerhaft selbst ausbeuten wollen, werden wir das Projekt LEIPZIG FERNSEHEN beenden."


Um die Brisanz dieser Nachricht zu erkennen muss man wissen, dass für viele der ostdeutschen Sender LEIPZIG FERNSEHEN der Leuchtturm war. Ein größerer Sender, in einem starken Verbund. Zwar nicht wie viele kleinere aus einer Antennengemeinschaft entstanden. Aber: Ein Leuchtturm, der in betriebswirtschaftlicher Nacht den Weg wies. Einen Weg, der zeigte, dass es möglich sein kann einen LokalTV-Sendebetrieb zu organisieren welcher wenigstens die absolut unvermeidlichen Kosten durch Werbeeinnahmen deckt und zwischen dem Werbungversenden ab und zu ein paar Minuten lokale News-Produktion ermöglicht.
LEIPZIG FERNSEHEN, zu dem auch Chemnitz (soll ebenfalls eingestellt werden) sowie Dresden (soll vorerst weitersenden) gehören war das wichtige Beispiel dass es möglich ist.


In Frankfurt an der Oder gibt es den Bundesverband LokalTV, der gerne zur Interessenvertretung der Lokalsender werden würde um dem Ruf nach mehr Steuer- oder Gebührengeldern etwas mehr Nachdruck zu verleihen- kurioserweise ist weder LEIPZIG noch SACHSEN-Fernsehen dort Mitglied. 

Eine Meinung hat man trotzdem: 

"Wir stehen derzeit vor einem medienpolitischen Super-GAU", so der BLTV-Vorstandsvorsitzende Klaus-Dieter Böhm. "In zahlreichen Ländern der  Bundesrepublik - nicht nur in Sachsen - stehen Lokalfernsehveranstalter vor dem Abgrund. Die hohen Kosten der Digitalisierungsprozesse, zu denen die Veranstalter gezwungen sind, führen unsere Sender in den finanziellen Ruin". Es sei nun an der Politik endlich zu entscheiden, ob die Gattung Lokalfernsehen in Deutschland gewollt ist oder nicht. Aktuell drohe Meinungsvielfalt unter Assistenz der Politik zu "Meinungseinfalt" zu verkommen. 

Naja, bei "zahlreichen Bundesländern" denkt Böhm sicher zuerst an Thüringen wo er selbst in Erfurt und Weimar maßgeblich am Lokalsender "SalveTV" beteiligt ist welcher in der Landeshauptstadt das anfangs erwähnte "plus.tv" ablöste vor dem es auch schon ein "Erfurt TV" gab.
Und nein, es sind nicht die "hohen Kosten der Digitalisierungsprozesse". Es fehlt schlicht und einfach ein tragfähiges Geschäftsmodell. Selbst im nationalen Maßstab scheint es in Deutschland sehr schwer Nachrichtenfernsehen (nichts anderes ist Lokal-TV) durch Werbung zu refinanzieren. Das führt dann zu dem merkwürdigen Umstand, dass Nachrichtensender statt Nachrichten billige Programmfüller versenden und N24 zum Beispiel auch mehr als 10 Jahre nach Gründung hauptsächlich durch den Running Gag bekannt ist Adolf Hitler habe dort gerade seinen Vertrag für die Blitzkrieg-Serie um weitere 10 Jahre verlängert. 
Es fehlt schlicht die notwendige Substanz am Werbemarkt, es fehlt an Geld selbst für ein preiswertes Programm. In Amerika ist eben vieles anders- aber das ist schon wieder eine neue, auch sehr lange, Geschichte.

Dann fährt der LokalTV-Verband das ganz große Geschütz auf: "Modelle zur Förderung des Lokalfernsehens wie in Bayern, Österreich oder in der Schweiz belegten eindrucksvoll, wie finanzielle Unterstützungen durch die Länder nicht nur zu einem stabilen Mediensystem, sondern auch zur demokratischen Meinungsbildung und Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen auf regionaler und lokaler Ebene führen kann."
Also in Niedersachsen war Lokalfernsehen bis vor kurzem auf Grund des dortigen Landesmediengesetzes gar kein Thema und sowohl Mediensystem als auch demokratische Meinungsbildung haben das durchaus verkraftet. 

Damit liegt der BLTV aber richtig: "Wenn Leipzig und Chemnitz ihre Programme einstellen, 
so hat das aufgrund der engen Kooperationen in Hinblick auf Programmaustausch, Vermarktung und Technik direkte Folgen für alle anderen Lokalsender in Sachsen."

Noch gravierender aber wird sein: Die Vision ist kaputt. Die Vision der Sender, die Krise anderer lokaler Medien wie der Tageszeitungen würde eines Tages dazu führen, dass sie zum wirklich relevanten regionalen Nachrichtenmedium werden, sie irgendwann diejenigen sind welche die lokalen Tagesnachrichten in die Haushalte bringen. Das aber war die Geschäftsgrundlage auf der es gelang viele wirklich herausragende Talente trotz größtenteils unzumutbarer Einkommen und Arbeitsbedingungen dazu zu bewegen "sich selbst auszubeuten" wie es LEIPZIG FERNSEHEN beschrieb.

Denn auch am Zuschauermarkt ist die Lage nicht rosig. Die letzten Erhebungen zeigen, dass Lokalfernsehen auch mit abnehmendem Zuschauerinteresse kämpft. Das war viele Jahre anders. Ob es nun daran liegt dass das Publikum die Sender in der Flut neuer Angebote im Digitalfernsehen schlicht nicht mehr findet oder ob es andere Gründe gibt bedarf sicher noch weiterer Untersuchungen. Fakt ist: Die wirklich zahlungskräftigen Werbekunden mit den wirklich relevanten Budgets konnten nie interessiert werden. Angeblich würden die keine regionale Werbung machen. 

Im den letzten Monaten hab ich aber mehrere regionale Spot-Kampagnen für Thüringen gesehen. Auf Youtube.



Kommentare

Aktuell meist gelesen: